#23
Die kleine Vanis stellte sich gegen den Rat der Pseudoweisen. Und erhielt das Lachen der Unsterblichen als Lohn für ihren Mut. Sie spannte sich an, ihr Kiefer mahlte. Ausgelacht werden war für sie der grösste Spott, aber sie verstand es irgendwo. Ihre Worte waren unbedacht gewesen, schlecht platziert und unnötig. Aber trotzdem, hätte sie sie nicht gesagt, es hätte ihr gefehlt. Dass sie hier nun vor Vesperum stand hatte nichts mit Mitleid oder Mitgefühl zu tun sondern mit Ehre und dem, was ihm zustand. Sie blickte die Geister weiterhin an und liess das böse, kalte Lachen auf sich regnen. Immerhin, sie hatten aufgehört zu diskutieren. Langsam hob sie eine Augenbraue und musterte die Anwesenden weiterhin nicht uninteressiert. Sie konnte zwar nicht an diesen dunklen Zauber glauben, noch nicht, aber immerhin schien es interessant und für sie so, dass sie das Feld nicht verliess. DA sie diesen Geistern so egal war, hätte sie sich sicherlich schnell und unbeschadet aus dem Feld ziehen können, wie ihr nun auffiel. Sie war die Nebenfigur… im Moment war das relativ gut um ihre eigene Haut zu retten, aber war sie wirklich eine Marionette? Wollte sie eine Marionette sein? Wieder und wieder, wie ihr Leben lang? Einige Etappen ihres Lebens, wo sie sich so ausgeliefert vorkam und so unselbstständig, dumm und klein kamen von ihrem Unterbewusstsein, wo sie alles einfach vergraben hatte, hochgekrochen wie die Untoten aus dem Gang. Ihre Mutter, wie sie verfügte, sie solle ihrer Schwester alles besorgen, wie sie einfach eingesammelt wurde und weggebracht, jemandem zur Seite gestellt, den sie nicht kannte. All ihr Besitz war aufgegeben, ihre Selbstbestimmung auf einem verschwindend kleinen Niveau. Sie war faktisch eine Leibeigene und jeder durfte über sie verfügen, der Kompetenzen hatte. Diese Kompetenzen erreichten die meisten dadurch, dass sie jemand töteten, der Kompetenz besass. Ihre kleine Welt, die sich nur um sie drehte, bröckelte. Alles, was um sie herum geschah war ihr immer grösstenteils egal gewesen. Attentate, Politik, Wirtschaftslage, das allgemeine Wohl- egal, egal. Sie war davon abgeschottet und hatte zu überleben. Die Attentate führte sie aus, die Politik war egal, Wirtschaft ebenso, das allgemeine Wohl beendete sie eher als dass sie es zu einem Punkt brachte. Aber war das wichtig? Wie es den anderen ging? Sie wollten sich alle übervorteilen. Sie musste erstarken, bis niemand mehr über sie lachte, sie niemand mehr als Nebenfigur sah. Diesen Weg musste sie beschreiten und zwar wie jeden in ihrem Leben alleine.

Vesperum hinter ihr lag noch immer da und schien weiterhin abwesend, mit sich selbst beschäftigt. War es das? Musste sie sich intensiv mit sich selbst beschäftigen, und zwar auf unschöne Art und Weise, damit sie weiterkam? Die Geister schienen ihn zu respektieren. Das waren alles Gedanken, die für sie neu waren. Lange hatten e ungute Gefühle in ihr gewirkt, die sie nun benennen konnte. Abhängigkeit. Nicht ernst genommen zu werden. Kontrollverlust. Fremdbestimmung. Sie musste erstarken, auch wenn das einen grossen Preis haben würde. Mit vielem hatte sie gar kein Problem. Töten, bedrohen, ausführen, nicht nachfragen, loyal sein- kein Problem. Aber richtig selbstständig sein, eine Autorität auszustrahlen, das hatte sie nie gelernt. Sie war stets die Dienerin gewesen, die, die eben auch da war, irgendwie reingerutscht. Noch immer stand sie unbeweglich vor Vesperum und würde auch nicht weichen, nur um sich selbst zu beweisen, dass sie eben konnte. Natürlich bemerkte sie hinter ihr den Wandel, aber sie drehte sich nicht um. Ungute Gefühle gingen von Vesperum aus, die sich an ihre Fersen hefteten. Sie atmete tief durch und konzentrierte sich, bis sie merkte, dass die Geister ihr ewiges Lachen beendet hatten und losschrien. Ihr Körper ging wieder in Angriffspositur. Er ist es? Was war er? Irritiert sah sie zwischen den Gestern umher, ehe eine irre Kälte den Raum ergriff. Ihre Fingerknöchel taten sogleich weh, eine bleierne Kälte umschlang ihre Knie und liess sie frösteln. Im nächsten Augenblick fühlte sie Eiskristalle an der Wange.

Langsam sah sie über ihre Schulter zu Vesperum. Die Kälte kam von ihm, besser gesagt tief aus ihm. Er schien von seiner Undurchsichtigkeit langsam wieder festkörperlich zu werden. Ilara traute sich aber gar nicht, wirklich hinzusehen, fühlte nur langsam die Einzigartigkeit der ganzen Situation. Die Geister schienen unsicher, was sie tun und denken sollten. Sehr gut, das sollten sie nur! Sie sollten einsehen, dass sie auch nicht viel mehr waren, als die Eiskristalle, die sich in ihrem Haar verfingen. Die Kälte war bahnbrechend. Nicht etwa eine natürliche Kälte, nein, sie war beissend und drang bis in die Herzen vor. Ilaras wurde schwer, beinahe depressiv, lethargisch. Nun könnte sie gar nicht mehr aus dem Weg, selbst wenn sie wollte. Sie schien festgefroren. Nur das Atmen ging noch halbwegs und sie atmete eisige Luft ein. Nur schien da noch etwas anderes darin zu sein. Ein übermächtiges Gefühl, was sogar an ihrem zerschlissenen Hemd züpfelte und ihr mitteilte, dass hier etwas geschah, was sie nicht einfach auf irgendwelchen Firlefanz reduzieren könnte. Vermutlich fühlte man sich so, wenn ein religiöser Führer erwachte aus einem Zustand, den man nie erwartet hätte. Langsam fühlte sie in ihre Beine hinunter, mobilisierte die Muskulatur und drehte sich um, besah Vesperum, wie er da am Boden lag, während das Eis im Raum tanzte zum dunklen Reigen, den er aussendete und der sie anzog wie die Motte das Licht. Aber es war nicht nur die Anziehung eines schwarzen Loches, die er aussendete. Er sendete auch Angst und Distanz aus, die Ilara sagte, dass sie ganz schnell verschwinden solle. Die Motte in ihr siegte allerdings gerade triumphal. Ihre Lippen öffneten sich leicht und ein keuchen überkam sie ob dem seltsamen Gefühl, das sie durchfuhr.
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