#13
Möglicherweise hätte es Sedrael überraschen können, dass ihre Gegenüber sie in ihrer Entscheidung, ihren Meister zurückzulassen, bestätigte – tatsächlich schien es aber allmählich ins Bild zu passen. Es war ein Fehler, zu lange nur ein und derselben Ideologie ausgesetzt zu sein und kein erweitertes Bild über andere Facetten zu erlangen. Das bedeutete nicht, bestimmte Methoden selbst anzuwenden oder sie sich zu Eigen zu machen, sondern lediglich ihre Existenz zu verstehen und sie zur Kenntnis zu nehmen. Zu begreifen, dass es verschiedene Wege gab, von denen der eine oder andere vielleicht vorzugswürdiger sein mochte. Doch ohne die verschiedenen Wege überhaupt zu kennen, war es leicht möglich, am Ende in einer Sackgasse zu verbleiben, blind und unfähig, andere Abzweigungen zu erkennen. Die Angst vor dem Anderen war so verständlich wie sie gleichzeitig aber auch falsch war.

Die eigentliche Überraschung bestand mehr in dem Umstand, dass und vor allem wie die Frau ihren Dank erklärte. Für Sedrael war dieser Umstand letztlich keine Verpflichtung zum Dank, sondern eine Selbstverständlichkeit. Sie alle waren von der Macht gezeichnet worden, jeder auf seine Art. War es Sedrael besser ergangen, nur weil sie auf der einen Seite stand? Kaum. Eine Differenzierung erschien ihr schlichtweg überflüssig. Die Macht war die Macht. Die verschiedenen Ausflüsse waren lediglich blankettartige Bezeichnungen sterblicher Worte, die versuchten zu beschreiben, wie sie das Unsterbliche in ihrer körperlichen Hülle sahen und verstanden. Wie das Gemälde, das stets versuchte, die Realität in irgendeiner Form einzufangen, aber niemals in der Lage war, die gezeigte Realität zu werden, sondern lediglich für sich selbst stand. Doch mehr noch, die Inquisitorin fragte, forderte regelrecht, mit spürbarer Inbrunst. Die finsteren Schwaden umgarnten ihre Gegenüber einen Moment lang und schnappten in ihre Richtung. Aber der Ausfall war zu abrupt, zu direkt, zu durchschaubar, um Sedrael aus der Kontrolle fallen zu lassen. Sie betrachtete die Kreatur einige Sekunden lang wie ein präpariertes Tier, ihr Blick angereichert mit Ernst.
„Würdet Ihr wirklich Feigheit in mir sehen, so wäre keine von uns beiden hier“, entgegnete Sedrael dann ruhig, als setze sie bewusst ihre Gelassenheit als Waffe gegen den Drachenkopf ein, der sich als Schatten um die Inquisitorin aufgebaut hatte. Die Wahrheit konnte schärfer sein als jede Klinge. Denn Feigheit wäre beim Zusammentreffen der beiden auf Firrerre letztlich Sedraels Todesurteil gewesen. Schon der Umstand, dass sie hier saß und sich die Inquisitorin mit ihr traf, war Zeugnis genug darüber, dass die Frage nur ein weiterer Test sein mochte. Sie beschloss daher, darauf einzugehen.
„Eine Münze erlangt durch Prägung immer zwei verschiedene Seiten, nicht? Es ändert sich dadurch aber nichts daran, dass es doch die gleiche Münze ist. Und manchmal entscheidet vielleicht nur der Münzwurf darüber, auf welche Seite man selbst blickt.“
Sedrael ließ dabei offen, wer es in diesem Szenario war, der diesen Münzwurf durchführte, welcher entscheiden mochte, auf welcher Seite man stand. Manche mochten es Zufall nennen, andere mochten es freie Entscheidung nennen. Für sie war es schlichtweg die Macht, die die Münze warf. Auch wenn das vielleicht nicht ganz dem entsprach, was ihre Brüder und Schwestern im Orden vertreten hatten. Und waren es überhaupt ihre Brüder und Schwestern? Eigentlich nicht. Schließlich hatte sie diejenigen, welche seinerzeit den realen Weg des Schwertes gewählt hatten, genau aus diesem Ursprung heraus zurückgelassen. Aber letztlich kannte ihre Gegenüber diesen Teil von Sedraels Geschichte nicht, noch nicht, daher schien aus ihrer Sicht dieser – wenn auch falsche – Schluss nahe zu liegen.
„Ihr werdet möglicherweise feststellen, dass Besagte weniger meine Brüder und Schwestern sind als Ihr vielleicht derzeit annehmt“, fuhr sie direkt fort, ehe die Frau Gelegenheit zur Antwort hatte. Aus ihrer Äußerung auf Firrerre, dass sie möglicherweise gar keine Jedi sei, und der jetzigen Erwähnung, dass sie nach eigener Aussage offenbar freien Geistes ihre Ausbildung nicht vollendet habe, ergab sich möglicherweise allmählich ein an manchen Stellen schillerndes Bild aus einzelnen Versatzstücken, doch Sedrael schickte sich nicht an, die einzelnen Punkte von sich aus weiter zu erläutern.

Das Hologramm war also nicht der Meister der Inquisitorin? Unerwartet. Das konnte in Bezug auf die Sith einige Änderungen bedeuten, die sich Sedrael aber jetzt hier in diesem Moment noch nicht erschließen konnten. Es war jedenfalls im Moment schwer erklärbar, warum sich die Frau dann den Wünschen, oder eher den Befehlen dieser grotesken Erscheinung unterworfen hatte, wenn diese Gestalt nicht ihr Meister war. Doch letztlich basierte diese pure Annahme auf ihrem faden Wissen aus den Jedi-Aufzeichnungen und nicht auf eigener Erfahrung, Wissen also, dass vielleicht weniger Wissen als vielmehr Doktrin und Unterstellung eines Ordens war, ein Orden, der im Laufe der Zeit mehr und mehr zu einem Behemoth geworden war, bis die Macht ihn dafür gestraft hatte. So wie es jetzt mit der Dunklen Seite passiert war. Dass die Sith die Worte der Sephi kopierte, und nicht nur das, sondern tatsächlich gar Sedraels gesamte Reaktion darauf imitierte, bereitete dieser Unbehagen. Es wirkte mehr spöttisch, als machte sich die Frau mit dieser Referenz über diese vormalige Bemerkung lustig. War es so? Vielleicht. Doch selbst wenn, war es letztlich ohne Bedeutung. Sedrael hatte eine gewisse, wenn auch in ihrer eigenen Selbstwahrnehmung zweifellos als naiv anzusehende Vorstellung von der Person, die vor ihr saß – und es war kaum das Ziel dieser Person, dass sie Sedrael gefiel. Für den Fall, dass sie so etwas Menschliches wie Gefallen wirklich überhaupt empfinden konnte geschweige denn wollte.

Die Antwort von Reah Nigidus auf Sedraels Frage war direkt, wenn auch insgesamt nicht allzu aufschlussreich. Sie öffnete mit ihren Worten ein Schloss, in dessen Truhe zwei weitere, noch weitaus kompliziertere Schlösser lagen. Ja, die Frau hatte ihr Leben verschont, hatte sie nicht an das finstere Hologramm ausgeliefert. Es war die gleiche Frage, die Rupert Donovan ihr vor kurzem gestellt hatte, vor der ärztlichen Untersuchung. Warum hatte man sie leben lassen? Warum saß sie nun hier? Nun, sie unterschied vom durchschnittlichen Firrerreo im Prinzip nur zwei Sachen. Doch sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre offenkundig erkennbare Sephi-Abstammung eine Rolle spielte, dafür waren die Gespräche mit Nigidus zu sehr vom Spirituellen geprägt. Auf der anderen Seite aber hatte die Inquisitorin an dem anderen Machtbegabten auf Firrerre, an Quel-Tuus, kein besonderes Interesse gezeigt. Zumindest aber bestätigte die Antwort Sedrael darin, dass diese Zusammenkunft in dieser Form durchaus noch Sinn ergab, den sie im Falle einer anderen Antwort vermutlich nicht mehr gesehen hätte.
„Ich bin hier, um zu verstehen“, beantwortete sie die ihr gestellte Frage zunächst, wenn auch auf eine andere Art als diese vielleicht gedacht gewesen war. Es war ihr Anlass, ihre Motivation gewesen, Firrerre mit der Frau zu verlassen.
„Die Macht befindet sich im Wandel. Der Einfluss der Dunklen Seite schwindet zusehends. Ihr spürt es, so wie ich. Und ich frage mich warum. Wo es hinführt.“
Ein paar Monate musste es her sein, seit es die große Erschütterung im Gefüge gegeben hatte und ein gewaltiger Nexus der Dunklen Seite ins Chaos gezogen worden war. Zumindest war das die Lesart der Jedi gewesen, wenn eine finstere Gestalt von der Macht korrumpiert und schließlich von dieser wieder beseitigt wurde, um fortan als gequälte Seele im Chaos ein nimmer endendes Dasein voller Hass und Pein fristen zu müssen. Gefangen in der eigenen Abart, die sich zu Lebzeiten angereichert hat und sich dann im lebenden Tod nur noch gegen einen selbst richtete. Doch trotz dieser Erschütterung war die Dunkle Seite nicht verschwunden – was auch nicht zu erwarten gewesen war. Und letztlich Sedraels Ansicht nach ohnehin nie passieren würde. Die neue Dunkelheit stemmte sich aber nur noch gegen den Wandel der Zeit, gegen das Unausweichliche, vielleicht um mit einem glorreichen Fiasko schließlich in den Untergang zu gehen. Wen würde dieser Strudel mitziehen und wer würde sich ihm aufrichtig entziehen können? Die Augen der Sephi sahen auf die kalte, tote Maske, blickten hinter die Maske, die die beiden nun wieder trennte.
„Eine Gestalt der Dunkelheit, die einer Gestalt des Lichts eine Chance zum Überleben bietet?“, stellte sie zur Untermauerung der These in den kleinen Raum und pointierte die Aussage mit der vermeintlichen Absurdität dieses Umstands, der vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar gewesen wäre. Bisher hatte die Dunkle Seite stets versucht, das Licht komplett zu verdrängen, um dauerhaft die Oberhand erlangen zu können. Viele waren dem zum Opfer gefallen, ein gnadenloses Massaker. Eine eigene Organisation, nur für diesen einen Zweck geschaffen. Doch nun war es anders. Die Organisation saß in einer Person verkörpert vor Sedrael und schenkte ihr nun das Leben. Und dieser besagte Umstand – so absurd er vielleicht schien – war aber Realität und fand hier, gerade hier in dieser Zelle, statt, was Sedraels Frage bewusst rhetorisch werden ließ und keiner Beantwortung bedurfte. Der Spiegel des Wandels reflektierte Vieles; Risse in der Fassade, die die Dunkelheit um die Galaxis ausgebreitet hatte. Sedrael hatte sich in den letzten Jahren nicht freiwillig versteckt. Sie hatte sich verstecken müssen, weil sie in keiner Form auf Gnade hätte hoffen können, wie auch sonst niemand aus ihrem früheren Orden welche erlangt hatte. Allesamt waren sie tot, geschlachtet von der Organisation, die ihr nun aber doch das Leben ließ.
„Der Wandel ist wahrlich überall. Denn an mir ist nichts, das euch beeindrucken könnte. Warum ich hier bin, wisst Ihr nun. Die wichtigere Frage wird daher sein, warum seid Ihr hier, hier mit mir?“
Es war noch nicht so weit, dass die Dunkle Seite ihren Einfluss gänzlich verloren hatte. Die Leichen auf Firrerre legten Zeugnis darüber ab. Und doch war es ein Fortschritt. Schritt für Schritt. Erst im Kleinen, dann im Großen. Es war der natürliche Lauf der Dinge. Der Umstand, dass die Hexe hier direkt vor ihr saß, ohne Anstalten zu machen, Sedrael bekehren oder nötigenfalls umbringen zu wollen, war ein kleiner Schritt. Ebenso wie Sedrael ihrerseits nicht versuchte, Reah Nigidus zu bekehren. Es war ein Zustand des Gleichgewichts, der der Galaxis seit vielen Jahren abhandengekommen war. Der Zustand, den sie so notwendig für diese Galaxis ansah. Für sich genommen sagte das in diesem kleinen Maßstab noch nichts aus – aber es war nur eine Frage der Zeit, bis die dominante Fratze der Dunklen Seite wieder hinabgerissen wurde und Licht und Dunkel wieder gleichsam berechtigt und verpflichtet in der Galaxis existierten.
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