#5
Es war nur ein kleiner Stich. Und doch barg er das Gefühl des Ausgeliefertseins, ein Gefühl, das in diesem Moment merkwürdig stark in Sedrael aufkam. Nun war das bei Ärzten fraglos immer der Fall und möglicherweise lag es auch nur daran, dass es ihr gerade besonders klar wurde. Sie war einem Arzt ausgeliefert, der hier in diesem System diente, das ihr bislang nicht gerade freundlich begegnet war und darauf offensichtlich auch keinen Wert legte. An sich gab es also wenig Grund zur Annahme, dass es bei diesem Arzt nun anders sein würde – auch wenn dieser eigentlich einen Eid darauf abgelegt hatte, allen intelligenten Lebewesen zu helfen. Oder zumindest war es vor scheinbar langer Zeit so gewesen, inzwischen konnte sich auch viel wieder geändert haben.

Sedraels Blut geriet in Wallung, als es zu pumpen anfing, und in ihrem Kopf begannen Trommeln dumpf zu schlagen. Der regelmäßige Doppelrhythmus pochte monoton und ließ sie sanft in das Reich des Ungewissen hinabgleiten, das sich müde und schwerelos vor ihrem geistigen Auge aufbaute. Sedrael war danach, es anzunehmen und sich im rostbraunen Gras vor ihr niederzulegen, in dem einige Ähren im Wind wogen. Vereinzelte Staubkörner funkelten im Himmel. Dann zwickte es erneut und Sedrael stieß ihre Augen reflexartig wieder auf, als Reisz gerade ein kleines Pflaster an ihre Armbeuge klebte. Ohne große Vorsicht wandte er ihr den Rücken zu, tropfte etwas von dem entnommenen Blut auf einen Probestreifen und schob diesen in eine Öffnung seines Computers. Während das Gerät kurz arbeitete, nahm der Mann einige koordinatorische Tests bei ihr vor. Bemerkenswert daran war aus ihrer Sicht eigentlich nur, dass es keinerlei Quarantänemaßnahmen ihr gegenüber gegeben hatte – was schlussendlich nur bedeuten konnte, dass man ohnehin nicht davon ausging, dass sie das besagte Virus von Firrerre in sich tragen würde, sondern sie allenfalls auf andere Dispositionen prüfte. Andernfalls wäre dieses Vorgehen mehr als fahrlässig gewesen.

Auf dem für die Sephi nur halb einsehbaren Bildschirm ratterten mit der Zeit immer mehr unverständliche Zahlen und Informationen herunter, bis der Computer irgendwann ein leises Piepen von sich gab und an einer Zeile haften blieb. Reisz fuhr nur kurz mit der Pupillenreaktion auf Sedraels rechtem Auge fort, die aber erwartungsgemäß erfolgte, auch wenn der Sephi die direkte Bestrahlung ihrer empfindlichen Augen merklich unangenehm war und es ihr mehrfach schwerfiel, dem Reflex, das Auge daher sofort zu schließen, zu widerstehen. Zu ihrem Glück dauerte die Prozedur jedoch nur ein paar Sekunden, ehe der Arzt die Lampe ausknipste, neben seiner Patientin ablegte und sich wieder routiniert – manche andere mochten es gelangweilt nennen – hinter den Schreibtisch klemmte, um das aus Computersicht besondere Ergebnis einzusehen. Einen Augenblick lang fuhren Reisz’ Augen über die Aurebeshzeilen und anhand angedeuteter Lippenbewegungen konnte Sedrael beobachten, wie er sich die Daten innerlich selbst vorlas. Irgendwann stockte die Bewegung dann aber und der Blick des Arztes wurde fixierter. Etwas schien in seinen Augen zu blitzen. Kurz wechselte seine Aufmerksamkeit vom Bildschirm zu Sedrael und wieder zurück. Übersprungshaft kratzte sich Reisz hinter seinem rechten Ohr.
„Wir sind fertig“, sagte er dabei nachdenklich, nuschelte beinahe, ehe er die Sprechanlage an seinem Computerterminal betätigte. „Schicken Sie einen Wachtrupp für die Unterbringung in die Zelle.“
Skeptisch verengte Sedrael ihre Augen. Auch wenn die Schemen ihre Wahrnehmung trübten, war dennoch auch für sie erkennbar, dass irgendetwas auf dem Bildschirm die Aufmerksamkeit des Mannes geweckt hatte. Hatte sie sich geirrt? War da doch irgendetwas, das ihr entgangen war? Nein, ihr Körper war in Ordnung. Sie war lediglich kaputt und müde, aber das sollte einige Werte allenfalls leicht beeinflussen, aber kaum für eine besondere Notiz des Arztes sorgen. Einen Moment lang überlegte sie sich, ihn zu fragen, erinnerte sich aber erneut an Donnovans Worte. Und dann war der Moment vorbei, als schon einige Augenblicke später die Stationstüre wieder zur Seite glitt und zwei schwarz uniformierte Männer eintraten. Sedrael fiel auf, dass beide mit ebenso schwarzen Helmen ausgestattet waren, die mit ihrem weiten Nackenschutz vage an altrepublikanisches Militär erinnerten. Ähnlich wie bei den Weißgepanzerten schien hier eine symbolische Fortsetzung stattfinden zu wollen. Beide Soldaten trugen ein einfaches Blastergewehr einsatzbereit in ihren Händen, jedoch in Richtung Boden gerichtet.
„Überführen Sie sie in Zellenblock 5-12“, brummte Reisz die beiden jungen Männer an, ohne sich von seinem Bildschirm abzuwenden. Fast als versuche er besondere Aufmerksamkeit zu vermeiden und dafür Sorge tragen zu wollen, dass alles ganz normal war. Doch irgendetwas stimmte nicht. Sedrael konnte das spüren, in der Art, wie sich die Macht um den Mann dehnte und streckte, seinen unterdrückten Stresspegel preisgab.

Allerdings spielte das keine große Rolle, als einer der beiden Wachsoldaten sich vor ihr aufbaute und ihr somit zu verstehen gab, dass sie sich aufsetzen sollte. Etwas widerwillig wandte sie ihren Blick von dem beschäftigten Reisz ab, der jedoch bereits völlig in das Abtippen einer Nachricht versunken war, und gehorchte schließlich dem unausgesprochenen Befehl des Soldaten. Das änderte indes nichts daran, dass er ihr daraufhin Handschellen anlegte. Es war überflüssig, ihn darauf hinzuweisen, wie unnötig das war, denn selbst eine solche Glaubhaftmachung ihrerseits vermochte an diesem Umstand kaum etwas zu ändern. Also ließ sie es regungslos geschehen. Erst als ihre Hände aneinander fixiert waren, deutete sie stumm mit einem ihrer Finger auf die abgelegte Robe zu ihrer Rechten und hob dabei erstmals ihren Blick von ihrer sitzenden Position an, um dem Mann in das Gesicht zu blicken. Auf diese Nähe konnte sie nahezu jede einzelne Pore in dem Gesicht erkennen, die leichten, ersten Falten, die sich allmählich in dem Gesicht bildeten, das den ersten zwanzig Jahren vielleicht gerade erst entwachsen und frisch rasiert war. Die Halterung des etwas zu großen Helms saß leicht schief auf dem Kinn und straffte so die Stelle etwas mehr als üblich. Aufmerksame blaue Augen, die offenkundig nicht viel mehr als den Dienst gesehen hatten, sondierten einen kurzen Moment das harmlose Kleidungsstück, dann nickte der Soldat knapp und gab zu verstehen, dass er verstand, worauf sie hinauswollte. Sedrael wartete kurz, bis der Mann ein paar Schritte zur Seite zu machen, um ihr das Aufstehen zu ermöglichen, schob sich dann etwas mühsam von der Liege nach vorne, bis ihre Stiefel den Boden berührten und sie sich erheben konnte. Es war äußerst ungewohnt, mit den Händen in Handschellen nach einem Objekt zu greifen und Sedrael musste das Gewicht der Robe ein paar Mal umverteilen, um den Stoff ausbalancieren und so auch wirklich sicherstellen zu können, dass das dort verstaute Schwert nicht doch noch durch einen unglücklichen Umstand hinausfallen konnte. Erst dann trat sie müde und mit halb geschlossenen Augen in Richtung der Tür, wo der zweite schwarze Soldat das Ganze überwacht hatte. Schließlich ging dieser vor, gefolgt von Sedrael und sie wiederum von dem anderen Soldaten. Nun, was es auch war, das der Doktor erkannt zu glauben hatte – offensichtlich war es vorüber. Jedenfalls für den Moment.


Wie eine rissige Tapete hing der Himmel blutrot herab. Sedrael öffnete die Augen und stand mitten im Nichts. Disharmonische Töne plärrten aus sternförmigen Schusslöchern des zerstörten Himmels. Erst als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass die blinkenden Lichter der Sterne aus einem großen Fegefeuer hinter der löchrigen Himmelstapete stammten, gierig, auch den Rest des Firmaments einzunehmen und zu verbrennen. Sedrael blinzelte unwillkürlich und sah sich um. Der Boden war staubig, trocken. Einzelne Risse zerfurchten die graubraune Erde. All das war sehr bekannt. Es war nur ein toter Acker, ein vielleicht ehemals fruchtbares Feld voller Leben und Träume. Und dennoch herrschte das Gefühl der Vertrautheit. Ja, kein Zweifel. Sie war wieder auf Firrerre. Sedrael streckte die Hand aus, bis aus den Furchen des Bodens neues Saatgut hervorschoss, doch die ehemals stolzen Ähren waren nur rostfarben und wertlos. Ein verzehrender Weltenbrand loderte knackend im Hintergrund und flüsterte sinnlich in ihr Ohr. Wind kündigte den aufziehenden Feuersturm in der Ferne an. Die Sephi ging einige Schritte voraus, ihre linke Hand durchpflügte sanft die farblosen Grashalme, während sie ihre Suche fortsetzte. Was war es, das sie suchte? Eine Antwort? Eine Frage? Weit und breit nur der Acker und das brennende Firmament am Horizont. Plötzlich stand jemand mitten im Feld, zehn, zwanzig Meter vor ihr. Die schwarze, neblige Silhouette formte sich bald zu einer Person. Im Feuerschein funkelte die goldene Haut eines älteren Mannes, weiße Haare tobten im Wind. Sedrael blinzelte. Sie kannte den Mann.
„Haron?“, fragte sie halblaut, während sie weiter auf ihn zuging.
„Die Todesfee“, entgegnete der Anführer des provisorischen Hilfslagers, in dem sie lange Zeit versucht hatte zu helfen, ehe sie frustriert erkannt hatte, dass sie nicht mehr als Sterbehilfe zu leisten vermochte. Er lächelte großväterlich und breitete seine Arme aus, die halb skelettiert nur noch teilweise von verbranntem und faulem Fleisch bedeckt waren. Sofort blieb Sedrael stehen und starrte den Rest der Person an, die sie kannte. Todesfee? Verwirrt runzelte sie die Stirn, blieb auf Abstand zu dem untoten Wesen vor ihr.
„Ja“, fuhr er fort. „Es ist das Wesen der Todesfee, den Tod anzukündigen. Wo du auftauchtest, stand der Tod. Wann immer du kamst, stand das Ende.“
Vor Überraschung weiteten sich Sedraels Augen. Was sagte er da? Als die Leiche einige Schritte nach vorne machte, ging die Sephi in gleichem Maß wieder auf Abstand. „Haron, du weißt, dass das nicht stimmt.“
Der Mann lächelte erneut. „Vielleicht. Aber ich bin nur ein Instrument im Orchester einer Frage. Und nicht ich bestimme die Frage.“
„Ich bestimme sie. Ob bewusst oder nicht“, stellte Sedrael fest.
„So ist es.“
„Aber ich kam nie, um Tod zu bringen. Ich war da, um euch zu helfen.“
„Und doch war es stets so. Der Tod folgt dir, wohin du auch gehst.“
„Nein!“, protestierte sie. „Nicht der Tod folgte mir. Ich bin ihm gefolgt.“
„Ist das so?“ Die Stimme des Mannes grollte, peinigendes, schrilles Gelächter stob von allen Seiten durch den Acker und durchzuckte jeden Winkel von Sedraels Körper. Der tote Mann hob beide Arme an und schien damit das gesamte Firmament umfassen zu wollen, während sich von seinem Körper mehr verbranntes Fleisch abschälte. „Der Weltenbrand, trägst du nicht Verantwortung dafür? Hättest du ihn nicht verhindern können?“
„Ich…“, setzte Sedrael wenig überzeugt zu einer Antwort an, ehe sie über die Aussage nachdachte. Ihr Schluss daraus war nicht so klar. „Vielleicht. Es war nicht meine Schuld. Ich kann mich nicht gegen den Willen der Macht stellen.“
„Ah, die Macht. Eine bequeme Auslegung, nicht wahr? Wann immer etwas Schlimmes in deiner Umgebung geschieht, so ist es der Wille der Macht. Aber war es das überhaupt? War es etwa nicht auch dein Handeln, das über all das entschied?“

Vor Sedraels Auge zerlief das Bild kurzerhand als schmelze es im Glutofen der Vergangenheit. Sedrael hatte ihre Hand am Griff ihres Schwertes, das ihr entgegengestreckt wurde. Vor ihr stand die Karikatur einer weniger vertrauten Gestalt. Nigidus. Wenn Ihr den Schatten im Imperium aufhalten wollt, müsst Ihr mit mir kommen. Und wenn Ihr das tut, dürft Ihr Euch nicht verändern. Die Stimme der Frau hallte durch Sedraels spitze Ohren. Sorglos bot ihr die Inquisitorin den Griff des Schwertes an, lockerte die Umklammerung um das Schwert. Ein einfacher Druck auf den Auslöser seitens Sedrael hätte damals das Intermezzo beendet und die fahle Gestalt zurück hinter das Höllentor verbannt. Eine einfache, kleine Willensentscheidung. Die Sephi blickte sich um. Unter dem Krächzen des Federhaufens standen die reglosen, namenlosen Opfer Firrerres entlang der Stadtmauer, hielten Mahnwache, waren aber auch monumentale Grabsteine bis hinter den brennenden Horizont. Wessen Entscheidung war es gewesen? War es wirklich nur die Macht gewesen, die sie davon abgehalten hatte? Es wäre so leicht gewesen, nur eine kleine Bewegung mit dem Finger. Und vielleicht hätte es nur dadurch verhindert werden können. Vielleicht. Die Unsicherheit würde sich nie ganz beseitigen lassen. Doch Sedrael konnte nicht. Irgendetwas hatte sie daran gehindert. Wie konnte sie sich etwas vorwerfen, wenn sie gar nicht die Wahl hatte, wenn doch die Macht alle Handlungen vorgab? Schuldhaft zu sein bedeutete doch die Möglichkeit, sich entscheiden zu können. Aber ob Macht oder Moral, ob Wille oder Unwille, ob Bestimmung oder freie Entscheidung. Sie konnte es nicht mehr ungeschehen machen. Und sie würde nie erfahren, ob jemand anderes an ihrer Stelle nicht anders gehandelt hätte.
„Diese Zweifel werden bleiben.“ Harons Worte kamen inzwischen nur noch aus seinem Totenschädel und schnitten als Tatsache durch die Luft, blieben jedoch nicht lange unwidersprochen.
„Nur für den, der Zweifel empfindet“, sprach die Mörderin der Welt vor Sedrael. Nigidus, die ohne Zaudern, ohne Fragen, ohne Reue in ihrem eigenen Mikrokosmos lebte. Ihre Taten berührten sie nicht. Sollte das am Ende das Ziel sein? Gleichgültigkeit vor allem, Einswerden mit dem Wahnsinn? Schwer vorstellbar. Das würde Sedrael nicht können, ohne sich zu verändern. Und genau das sollte sie ja nicht tun. Die Widersprüchlichkeit ließ Sedraels Welt rotieren, riss sie hinab in den finsteren Strudel des absoluten Nichts, der die gesamte Welt binnen Sekunden erfasste, aufsog und hinabspülte ins tiefste Unterbewusstsein, als der Traum zusammenbrach.

Sedrael schreckte auf. Ja, ein Traum. Schweißgebadet ließ sie ihren Kopf zurück auf das Kissen fallen, das lediglich aus ihrer zusammengeknüllten Robe bestand, und betrachtete kurz die Decke. Nur ein Traum. Sie war in der Zelle, ein paar matte Lichter ließen sie das Innere erahnen. Erneut schloss sie die Augen und atmete ein Mal tief durch. Nur ein Traum?
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