#51
Und es geschah nichts, nicht hier, nicht sichtbar. Die grausige Spinne, Tod genannt, spann nur ein größeres Netz, breiter, mit den klebrigen Fäden, darauf lauernd die widerlichen Schmeißfliegen die sie waren einzufangen, langsam zu verschlingen und sich ihrer Essenz zu bemächtigen. Die Macht holte sich zurück, was sie einst gab und verteilte ihre Geschenke neu. Kreierte damit Monster und Heilige zugleich, ließ sie antreten unter großen Fanfaren, zum ewigen Gefecht. Der alte Mann ließ sich keiner der Gruppierungen zuordnen, sondern war dazu auserkoren gewesen, sich zwischen die donnernden Fronten zu begeben, nur um von ihnen zerrissen zu werden. Vor ihr lag das entstellte Opfer, leibhafter Zeuge dessen, zu was ein menschliches Wesen fähig war, zu welcher Bestie ein Mensch werden konnte, wenn er erst an der Krankheit litt, die sich Dunkelheit nannte. Reah starrte den entstellten Toten regungslos an. Es wirkte surreal, nicht echt, nicht annähernd so, als wäre es ihr Werk gewesen, ihr eigenes. Sanitätergeschmeiß hetzte sich ab, warf das Elend auf eine Trage und machte sich die Trophäe des Zorns zu entfernen. Vielleicht hätte sie ihm das Herz herausreißen sollen, nur um zu sehen, zu schauen ob es wirklich so verseucht war vor Furcht, wie sie dachte, nur um sich zu überzeugen, dass dieser Vaash auch wirklich ein Mensch war, ein freier Mensch und nicht die Maschine, die ihr Nest im Brückenturm baute. Vielleicht aber, sollte sie generell töten, weitermachen, dieses nutzlose Volk, dass sich tummelte, behinderte, im Wege stand zurück zur Macht schicken, auf das dieses Mysterium neue Varianten kreierte, bessere Lebewesen. Aber dennoch rührte sie sich nicht, blieb stehen und starrte weiter auf den Boden, dort wo eben noch Tiberius Vaash lag und sich nur noch ein wenig Blut fand. Nein, sie zog nicht das Schwert, schnitt keine blutige Schneise in das Schiff, bis dessen sich Magen sich aufblähte wie ein überreifer Kadaver und das Gewürm sich über die Galaxis ergoss.

Reah hörte ihren Namen, nur zart, wie geflüstert,weit weg, so, als wolle jemand sie aufwecken, ihr zeigen, dass sie aufwachen konnte, dass es vorbei war. Nicht einmal die Stimmlage wusste sie im ersten Moment einzuordnen, sondern lauschte nur stumm dem Schlag ihres eigenen Herzen, das raste wie wahnsinnig und gegen die Innenwände ihrer Brust hämmerte, ganz wie ein widerwilliger Protest, die Weigerung, in diesem Körper gefangen zu sein. Ihre Gedanken verloren sich weiter, wurden fortgetragen von einem Sturm finsterer Gewitterwolken, die sich stakkatoartig entluden und sich in diffusen Wirbeln in den Geist brannten. Sie folgte der weckenden Stimme nicht weiter, sondern erkundete lieber die eigens kreierte Welt der Dunkelheit, die sie in ihrem Verstand spann. Ein perfekter Traum für die Träumerin, ein Paradies für jene die solange schliefen, bis die Realität längst eine blasse Erinnerung war und... eigentlich auch nicht ganz echt. Die Wirklichkeit wirkte eher wie eine Geschichte, vielleicht ein düsteres Kindermärchen, während das eigene Leben, der eigene Kosmos, mehr durch die Kraft der eigenen Sinne gestaltet wurde. Der Traum im Kopf wurde durch Willen in die Galaxis gezerrt, der Traum der Dunkelheit wurde verkettet in der endlosen Galaxis des Gewöhnlichen und die Hexer, die Anker für dieses Ritual waren sie und Vesperum. Sie machten den Alptraum schlafender Kinder zur Wirklichkeit, ätzten ihn in Welten, in Augen, Ohren und Hirne. Ihr Geschenk an die Galaxis, die Gabe, die die Macht ihnen gab und die sie nun den einfachen Wesen zurückgaben war Schrecken leibhaft. Das Chaos hatte sie sanft wachgeküsst, an die Hand genommen und ihnen gezeigt, dass Himmel und Kosmos eins waren. Vision und Wirklichkeit - nur zwei verschiedene Worte für ein und dieselbe Sache.

„Ich möchte bei Euch bleiben, doch ich weiß nicht, wie lange ich es aushalte, ohne daran zu scheitern, Reah.“


Der wunderschöne Kristall des Chaos, das teure Schmuckstück, zerbrach in den groben Händen der monströsen Schattenkreatur. Scharfe Kanten schnitten sich in die stürmischen Winde, die durch den Verstand wirbelten, ließen das Bild flackern und verstummen, bis am Ende nur noch der Hall des Donners übrig blieb. Der Schatten sah sich für einen Moment irritiert, verstand nicht, war nicht in der Lage das Problem zu erkennen oder gar einzuordnen. "Warum?", stumme Worte geformt von ihrem Mund, aber kein Laut drang daraus hervor, zugeschnürt blieb die Kehle, verklebt, verteert und verseucht von der bestialischen Dunkelheit. Es war, als hätte die Kreatur das sprechen verlernt, als hätte die animalische Seite den Verstand okkupiert, nur noch in der Lage den aufgewühlten Emotionen, die Selbstenttäuschung, Wut und Hass, durch primitivste Mittel und Wege auszudrücken.
Muskelfasern spannten sich im Arm der verseuchten Frau, wo finstere Mächte, gespeist von der dunklen Seite hindurchflossen, die von weniger bedarften Seelen als widernatürlich oder unmöglich beschrieben wurden. Die Dunkelbestie ballte ihre Klauen, jene Hände mit denen sie den Admiral zerreißen wollte zu Fäusten. Schläge der Macht droschen auf ebenjene Durastahlwand, an die vor kurzem noch der Schädel des Alten schellte, während knisternde Entladungen unnatürlicher Energien über das klebrige Blut krochen. Vielleicht konnte sie sich selbst dafür hassen, für ihren Unverstand, ihr Unvermögen einmal das Richtige zu tun, einmal dem zu Folgen was sich Herz nannte, doch was unmöglich erschien, war dem Herr zu werden. Während brennende Leidenschaft und Zorn sich entladen konnten, wusste ihr Verstand nicht einmal, wie sie mit ihren Fehlern umgehen sollte, wusste, konnte nicht erkennen wie und warum sie es nicht verhindert hatte und noch wichtiger, warum es die Hexe nicht kommen sah. War die Welt vor ihren Augen etwa so schwarz, dass sie das blasse Lichtlein nicht mehr schimmern sehen konnte? Oder Stand ihr Licht so nah am Schatten, ließ ihn so schwarz werden, dass sie es nun erst erkannte, als es sich entfernte? Ihre Hände fassten an ihren eigenen Schädel, dort, wo sich Fingernägel in die aschgraue Fratze gruben, an der sich die Dunkelheit gütlich tat. Langsam zogen sie sich herunter, als wollten sie das Antlitz abwerfen, voll kindlicher Neugier, nur um zu sehen welches Gesicht unter der Dunkelheit verborgen lag. Doch während zarte Klauenschnitte warmes Blut aus den Wangenknochen tropfen ließ, musste die Kreatur erkennen, dass darunter nichts mehr war. Sie hatte es sich bequem gemacht, hatte der Dunklen Seite bereitwillig gestattet sich auszubreiten, die Kontrolle über Körper und Geist zu übernehmen, war gescheitert an ihrer eigenen Arroganz, als die Hexe dachte, sie hätte das Wesen der Finsternis begriffen und konnte es beherrschen, satt sich davon beherrschen zu lassen. Nun aber fand sie sich hier, eingeschlossen in ihrem eigenen Labyrinth, ohne einen Fluchtweg zu erkennen. Und nun schien es so, als wäre Sedraels einziger Zweck in ihrer Gegenwart jener gewesen, ein Gesprächspartner zu sein, nur um die eigenen Worte zu hören, nur um das eigene Wesen zu erhöhen und noch bevor Reah erkennen konnte, wie töricht und dumm es war, schloss der dunkle Mahlstrom auch die letzte Lücke zur Sonne ihres Herzens.

Der dunkle Fluss aber, offenbarte sich als ein offenes Gewässer, ließ Dinge erkennen, welche die lichtverblendeten Gestalten nie erblicken würden oder aber, der Schatten bildete es sich nur ein. Etwas braute sich zusammen, zuerst nahm die Hexe an, es würde ihrem eigenem Tun entsteigen, ein wie auch immer geartetes Echo, zurückgeworfen durch die Sphären der Macht. Dieser ferne Hauch der Gefahr war jedoch anders, weitaus gewöhnlicher, hatte den faden Beigeschmack der wachen Welt, selbst wenn ihn das nicht weniger tödlich machte. Reah schloss ihren Augen und ließ sich an die Wand sacken, während ihre Sinne auf dem Spinnennetz der Emotionen, das die Macht wob entlang balancierte. Von einem Ende zum anderen, bereitwillig zu Erkundung dieses Mikrokosmos, der sich vor ihrem inneren Auge präsentierte. Die Hexe folgte Wegen, die sie sowohl zu kontrollierter Hektik, als auch tödlicher Präzision und... Zuversicht führten. Ein anderer Strom der Macht warf sie beinahe aus dem Gefüge, als plötzliche Panik und Todesangst zur ihr zurückflossen, seltsam allein war, dass sie Sedrael in all dem Wirrwarr nicht ausmachen konnte, die kleine flackernde Kerze nicht fand. Ihre Gedanken blieben stehen, spulten noch einmal zurück und versuchten ein Bild aus den Eindrücken zu formen, die sich ihr offenbart hatten. Die Hexe schloss auf eine wie auch immer geartete militärische Intervention und besann sich dabei einerseits auf das, was sie selbst im Imperium erlebt hatte, als auch auf die Echos der Macht, die diese Annahme noch bestärkten. War ihr kleines Schmierentheater vielleicht aufgeflogen? Nicht unwahrscheinlich, wie sie zu ihrem eigenem Missfallen zugeben musste. Wenn das imperiale Protokoll wie üblich gearbeitet hatte, war der Geheimdienst, in diesem Falle Ysanne Isard schon seit geraumer Zeit darüber informiert, dass etwas nicht zwingend so vonstatten ging, wie es normalerweise sein sollte. Sie hatte nur... Reah erhob sich und blickte hinüber in das Transparistahlfenster, das die endlosen weiten der Sterne zeigte, genauso endlos, fühlte sich in diesem Moment ihre Naivität an, ihre Torheit. Hatte sie allen Ernstes angenommen, Isard hätte sich angekündigt, hätte auf diskretere Art und Weise versucht sich ein klares Bild über die Situation zu machen? Offensichtlich.

Kaum endete der Gedanke, erklangen die schiffsinternen Lautsprecher und bestätigten gewissermaßen ihren Verdacht, mehr noch ihre Befürchtung, vielleicht sogar Angst. Der Leib der Bestie sackte für den Moment herab, fühlte sich vorgeführt wie ein dummes Kind, das wusste welch einfältigen Fehler es begann, aber zu uneinsichtig war in rechtzeitig zu korrigieren. Hatte Sedrael nicht gesagt, sie hätten einfach gehen können? Sie hätten. Aber Reah hatte es nicht getan, hatte sich sicher gefühlt, gefangen in ihrer Arroganz gedacht sie wäre unangreifbar und sich nun fatal getäuscht. In diesem Moment schien es so offensichtlich und greifbar, dass sie eben all jene Hoffnungen verspielt hatte, die sie erreichen wollte. Ihr Blick fiel nach unten, richtete sich auf ihre Hände, die voller Anspannung ihr Lichtschwert hin und her wogen. Man hatte sie überrascht, in einem denkbar ungünstigem Moment getroffen und aus der Bahn geworfen, sie von ihrem Pfad gestoßen, noch aber war Reah nicht besiegt. Die Hexe kannte Niederlagen, kannte den Geschmack des eigenen Blutes an der Lippe und hatte lediglich vergessen wie er sich anfühlte. Letztlich sollte sie der Direktorin vielleicht sogar dankbar sein für ihr Einmischen, wurde die Welt um sie herum doch wieder schärfer, nun, wo sich offensichtliche Feinde zeigten, nun wo es Wesen gab, die es verdienten Hass und Verachtung zu spüren. Der Griff um das Schwert verhärtete sich und einige Sekunden warf die Lanze aus rotem Licht, ihre unheilige Aura in den Korridor. Die Hexe begutachtete die Waffe für einen Moment und erkannte sich kurz selbst darin. Im Gegensatz zu ihrer alten Waffen, die weitaus kunstvoller, eleganter und facettenreicher gestaltet war, fand sie hier Geradlinigkeit. Dies war kein stilvolles Mittel um sich ehrenvoll zu duellieren, sondern ein simples Mordinstrument, konstruiert um zu zerstören. Das Licht erlosch und ihr Griff löste sich vom Schaft des Schwertes. Ihre Hand ließ es in die Innenseite ihres Stiefels gleiten. Eine kleine geheime Tasche. Verdeckt und unauffällig, hinterhältig, wie so typisch für die Sith. Reah erhob sich und ließ ihren Geist in das schwarze Meer der dunklen Seite abtauchen. Isard mochte für den Moment siegessicher sein, aber sie vermochte nicht annähernd zu ahnen, welche Art von Kreatur sie mit ihren Aktionen beschwor.

Die Hexe ließ sich von der Macht treiben und nahm die zahlreichen Soldaten, degradiert zu behelfsmäßigen Wänden mit dem einzigen Zweck sie geradlinig zu ihrem Ziel zu bringen, nur am Rande als schemenhafte Umrisse war. In der Macht rochen die Fratzen nach finsterer Genugtuung, eine Gehässigkeit, ihrer eigenen nicht unähnlich. Doch wo diesen Narren nur ihre Freude daran blieb, konnte sie sich an der Dunkelheit laben, die niederen Emotionen als Katalysator für ihre eigene Stärke nutzen und sich im Schmutz der Finsternis suhlen. Die Blindheit dieser Narren war beinahe köstlich und selbst Isard schien kaum anders. Allein ihre Aktion zeigte auf, dass sie erst handelte und dann begriff. Grob stieß die Hexe einen niederen Schiffsoffizier beiseite, der das Pech hatte nicht schnell genug aus ihrem Weg zu treten. Gehässige Bemerkungen drangen in ihre Ohren, verbrannten in ihrem Hochofen voller Hass und Abscheu, während sich ihre Schritte hin zum Turbolift beschleunigten, der sie zur Brücke bringen sollte.
Als die Sith eintraf, musste sie sich nicht die Mühe machen, jene Soldaten zu zählen, die Spalier standen, gewissermaßen nahm sie die Szenerie nicht einmal als solche war, sondern viel mehr als eine Handlung in ihrem Kopf, ein von der Macht projiziertes Bild, dass alle Beteiligten mit Fäden verband. Es war wie ein Marionettenspiel, bei der die Berührung eines jeden Fadens eine bestimmte Reaktion hervorrufen würde und ihr Fokus lag auf jenem, der hin zu dem Mann am Schreibtisch fühlte, jenem einfachen Abschaum, der sich als überlegener Sieger wähnte und sich nicht bewusst war, mit wem er hier spielte. Als Reah eintrat folgte sie nicht dem Pfad der Zinnsoldaten sondern blieb stattdessen in nächster Nähe zwischen ihnen stehen. Ihr Mund öffnete sich in der gewöhnlichen spöttischen Art, mit der sie dem üblichen Pöbel der Galaxis begegnete. "Ich schlage vor, Sie nehmen ebenfalls Haltung an.", entließ der Schatten seine Worte in den Raum, während dem Faden der Macht, hin zum Agenten, ein unsichtbarer impulsartiger Machtstoß folgte - weder gefährlich noch schmerzvoll, nur gerade eben stark genug den Stuhl des Emporkömmlings nach hinten kippen zu lassen.
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