
An einem anderen Ort, fern von diesem merklich kleinen Disput, kämpfte Tiberius Vaash mit anderen Sorgen. Diese furchtbare Hexe hatte sich endlich verzogen, war nicht mehr sichtbar aber ihre Kälte verblieb im Raum. Vaash richtete seinen Blick aus dem Fenster hinaus, um vielleicht in den fernen Sternen etwas Ablenkung zu finden. Vielleicht hoffte er auch auf eine Sternschnuppe oder ein kosmisches Ereignis, welches zwar selten aber möglich war. Etwas, was an Ästhetik und Schönheit etwas Abhilfe für seine tristen und trüben Gedanken schaffte. Er hatte das Schicksal einer ganzen Flotte zu entscheiden. Aber nicht nur das. Viel mehr musste er nun endgültig sein eigenes Schicksal besiegeln. Er konnte vor dieser Entscheidung nicht mehr davonlaufen. Angst kam auf. Keine panische Angst aber eine tiefe Unsicherheit. Egal, was er ab diesem Zeitpunkt tat, es hatte immer ernste Konsequenzen. Er wollte die Flotte nicht um seines Stolzes willen opfern aber gleichzeitig wollte er sich nicht diesem Teufel vom Imperator für immer andienen; denn seine Seele und sein Andenken gehörte allein ihm als Tiberius Vaash selbst. Er war Tiberius Vaash, ein Mann der Ehre und der Würde. Zumindest glaubte er dies zu sein und blendete dabei seine Mängel aus. Vaash fühlte sich verloren, denn alles, was er wollte, war zumindest nicht jenes Fragment zu verlieren, was ihn menschlich machte. Er kannte diese unterworfenen Offiziere und auch die Diener aus dem engsten Kreis des Imperators. Sie waren unmenschlich und seelenlos. Sie handelten ohne Skrupel und Reue. Es machte ihm wahrlich Sorgen, dass er auch so werden konnte. Mit der Zeit würde er es werden. Mit jeder Handlung im Namen des Imperators würde er immer mehr seine Menschlichkeit verlieren. Aus Sicht des Thrones wohl wünschenswert, da ein herzloser Anhänger sicherlich effektiver den ebenso brutalen Willen des Herrschers umsetzen konnte. Ein Soldat, der dauerhafte Reue empfand, wurde mit der Zeit unbrauchbar. Vaash war gefangen, mit sich, mit diesem Imperium und seinem Imperator.
Nervös trat der Admiral auf und ab. Hin und her. Fast so, als ob er auf die alten Tage marschieren wollte, wie damals in der Drillschule. Es blieb dem Alten nicht mehr viel. Vielleicht sollte er seine Familie anrufen. Etwas Menschlichkeit zeigen, der Vater und Großvater sein, der mehr war, als ein nur ein Offizier. Bei dem Gedanken an sein Zuhause überkam ihn ein Heimweh, eine Sehnsucht einfach nach Hause zu gehen und diesen verdammten Krieg hinter sich zu lassen. Doch das konnte er nicht. Nicht mehr. Nach allem, was er getan und erlebt hatte, blieb diese Wahl nicht. Wie sollte er auch zurückkehren? Wenn eine Abkehr von der Pflicht als Verrat galt, eine Heimreise eher zur Strafexpedition wurde und Strafe für alle drohte, die er liebte. Die Zeit spielte gegen Vaash. Und er selbst hatte keine guten Karten mehr. Diese Uniform wurde unbequem oder war es eigentlich schon immer. Anfangs hatte er sie mit Würde getragen aber inzwischen war es die Kleidung eines Gefangenen, die er ablegen wollte. Sie verband ihn nicht mehr mit seinen Idealen. Er trug sie aus Pflicht und Erinnerung. Damals war damit etwas verbunden gewesen, was gut gewesen war. Damals als die korrupte Republik abgewickelt wurde und das Imperium entstanden war. In diesen Tagen, als junger Offizier, hatte er überzeugt gedient, an jedes Wort geglaubt und mit aller Absicht ein Imperium mit anderen zusammen errichtet; Widerstand bekämpft und die Überzeugung vertreten, dass Frieden und Sicherheit für alle möglich waren. Das Imperium war damals eine gute Sache für ihn gewesen aber nun erkannte er, dass vieles nicht so war, wie er es sich gewünscht hatte. Klüger und älter sah er nun die Propaganda und ihre Lügen. Er hatte sich daran gewöhnt, abgefunden und einfach weiter gemacht. Doch dieses mal konnte er nicht einfach weiter machen. Tiberius Vaash konnte sich nicht mehr einfach fügen. Doch ein Verrat und ein Überlaufen stand nicht zur Debatte. Nicht mehr. Er hatte sich entschieden und diese Uniform mochte mit Recht sein Gefängnis sein. Inzwischen glaubte er sogar, dass er es in gewisser Hinsicht verdient hatte, in dieser Position zu sein aber nicht seine Flotte, die guten Soldaten unter seinem Kommando. Wenn er sterben sollte, mit dem Blaster in der Hand, dann war es eben so aber diese Flotte sollte nicht einfach vergehen, weil sein Stolz im Wege stand. Die Gedanken waren diffus und divers, wanderten von einem traurigen Punkt zum nächsten, als ob sie einen Ausweg suchten. Doch es gab keinen Ausweg. Selbst der Kontakt zu Großadmiral Takel würde kein Ausweg sein. Was sollte dieser auch tun? Der Thron hatte sich eingeschaltet. Doch es war einen Versuch wert. Wenigstens konnte Vaash noch ein paar Karten spielen, auch wenn diese reichlich nutzlos waren. Es waren immerhin seine Spielzüge. Ein bisschen Selbstbestimmung blieb ihm noch. Diese Würde ließ er sich nicht nehmen. Nicht noch einmal. Mit überzeugten Schritten verließ er die Beobachtungsbrücke und eilte zur Brücke, wo er sich mit dem Großadmiral verbinden ließ. Vaash trat auf die Holoplattform und ließ die verschlüsselte Langstreckenverbindung aufbauen, die nur so auf der Brücke möglich war. "Hier spricht Admiral Vaash für Großadmiral Takel," übermittelte sein Hologramm in die Ferne, während er selbst eine elegante aber disziplinierte Pose einnahm, indem er seine Hände hinter dem Rücken verschränkte. Die Karte war ausgespielt.