#31
Nashira steuerte das Schiff in den Orbit und weil sie so schnell wie möglich aus dieser Ecke der Galaxis verschwinden wollte, berechnete sie einen Sprung in den Hyperraum, der sie weit genug weg bringen würde, allerdings noch immer nicht in die Richtung des Ortes, zu dem sie im Auftrag von Dark Vesperum gehen sollte. Sie aktivierte den Autopilot und verließ das Cockpit. Noch immer war ihr Inneres in Aufruhr und noch immer fühlte sie das Echo der Wut in sich. Ein Zustand den sie verabscheute. Ihr war klar, dass der Kampf auf Irkalla, sofern man es überhaupt als Kampf bezeichnen sollte, in absolut keinster Weise fair verlaufen war. Aber was war in dieser Galaxis schon fair? Sie hatte gute Gründe gehabt genau so gehandelt zu haben wie sie es getan hatte. Natürlich hätte sie den beiden jungen Frauen die Chance einräumen zu können sich zu wehren, doch wäre dies wirklich zu ihrem Besten gewesen? Wäre es wirklich gut gewesen ihnen eine Hoffnung vorzugaukeln, die für sie aber niemals existiert hatte? Vielleicht wären sie gemeinsam in der Lage gewesen ihr zu schaden, doch der Preis den sie dafür zu zahlen gehabt hätten wäre viel zu hoch gewesen. Ja, vermutlich würden beide ihr Verhalten als unfair betrachten, aber es war genau das was ihnen das Leben gerettet hatte. Ja, Nashira hatte so gehandelt, weil sie mit den Artefakten den Planeten hatte verlassen wollen, weil sie ihre ganz eigenen Pläne damit verfolgte, aber auch, weil sie den beiden jungen Frauen keinen ernsthaften Schaden hatte zufügen wollen. Weil sie die junge Frau mit dem Namen Mytria vor sich selbst hatte schützen wollen.

Unruhig ging Nashira im Operationsraum ihres Schiffes auf und ab, immer wieder zu den Artefakten blickend, die in Stoff eingewickelt auf dem Tisch lagen. Die Dunkle Seite der Macht war eine tückische Angelegenheit. Es war leicht ihr zu verfallen, es war auch leicht ihr Anfangs wieder zu entsagen, doch mit jedem Mal der man ihr erlag wurde es schwerer zurück zu kehren, aber noch schwerer war es sie zu kontrollieren. Nashira hatte mit eigenen Augen erlebt wie Mytria den Verlockungen der Dunklen Seite erlegen war und ein Gefühl hatte ihr gesagt, dass es nicht das erste Mal gewesen sein musste. Wäre es das erste Mal gewesen, dann hätte Mytria vermutlich anders reagiert, zumindest Nashiras Erfahrung nach hatten sich die meisten nach ihrem ersten Kontakt mit der Dunklen Seite eher verwirrt gezeigt. Neugierig. Aufgeregt vielleicht, aber niemals derartig schuldbewusst wie Mytria. Mytria hatte sich eher verhalten wie jemand, dem ein alter Freund begegnet war, den man allerdings nicht wiedersehen wollte. Hätte sie die beiden jungen Frauen in einen Kampf verwickelt, dann hätte das Risiko bestanden, dass Mytria erneut von der Dunklen Seite heimgesucht worden wäre. Sie war ein gefundenes Fressen für die Dunkle Seite der Macht, die sich nichts lieber zu eigen machte, als einen unsicheren Geist. Jemand der nicht wusste wer er war, der nicht wusste wohin sein Weg ihn führen würde, der versuchte jemand zu sein, der er aber nicht war. Jemand der sich weder seiner Stärken, noch seiner Schwächen bewusst war. Nashira war nicht bereit gewesen dieses Risiko einzugehen, nur um die beiden jungen Frauen eine falsche Hoffnung hoffen zu lassen. War nicht bereit gewesen eine junge Frau einer Zukunft auszusetzen, in der nichts anderes als Leid auf sie wartete.

Aber sie wäre nicht nur das Risiko eingegangen, dass Mytria der Dunklen Seite erlegen wäre, sondern auch, dass Feenare einer weiteren Bedrohung ausgesetzt gewesen wäre. Die Dunkle Seite zu kontrollieren war nicht so einfach wie man glauben mochte. Zorn und Wut waren mächtige Gefühle, in der Lage alles auf ihrem Weg zu vernichten, wenn sie nicht gezügelt wurden. Sie zu kontrollieren, sie zu lenken, benötigte Selbstsicherheit. Das Wissen darüber wer man war und was man wollte. Einen starken Willen. Besaß man dies alles nicht, dann übernahmen die Gefühle die Kontrolle und machten einen blind für alles um einen herum. Freund oder Feind machte dann keinen Unterschied mehr. Das einzige was man dann noch wollte war alles zu vernichten und als alleiniger Sieger auf der Schlachtfeld zu stehen. Die einzige Möglichkeit einen solchen Moment zu überleben war schneller zu sein als der andere und das hätte bedeutet Mytrias Leben zu beenden. Aber sie war noch so jung und hatte noch so vieles vor sich.

Es mochte seltsam für jemanden sein, der die Dunkle Seite der Macht nutzte, sich Gedanken über das Leben und die Zukunft einer jungen Frau zu machen, welche sich für die Helle Seite der Macht entscheiden wollte. Aber Nashira wusste, dass es einmal eine Zeit gab, in der beide Wege nebeneinander koexistiert hatten. Wo sie sich noch nicht als Erzfeinde gegenüber gestanden waren und sie hatte sich nicht nur einmal gefragt, ob es nicht möglich war einen derartigen Zustand wieder zu erreichen. Es war vielleicht ein naiver Gedankengang, aber sagten Viele nicht immer, dass der Weg nicht entscheidend war, sondern das Ziel? Dass nicht die Mittel entscheidend waren, sondern was man damit erreichte? Ja, natürlich war es für so einige die perfekte Entschuldigung und Rechtfertigung für drastische Vorgehensweisen. Aber machte es im Kleinen betrachtet wirklich einen großen Unterschied, ob man die Dunkle oder Helle Seite dafür nutzte, um jemand anderen zu retten? Ob man die Dunkle oder Helle Seite dafür nutzte jemand anderem zu helfen? Sollte man wirklich beide Seiten als die Pole, die Extreme, von etwas betrachten was einst Eins war und war nicht genau das viel eher das Problem? Es waren Fragen, die sich Nashira schon so viele Male in ihrem Leben gestellt hatte, aber auf die sie wohl nie eine Antwort erhalten würde. Es gab niemanden mit dem sie sich über derartige Theorien unterhalten hätte können. Alleine eine Andeutung derartiger Gedankengänge könnte ihr Leben schneller beenden als es begonnen hatte. An manchen Tagen kam sie sich vor wie eine Gefangene. Gefangen zwischen den Fronten zweier extremistischen Fraktionen.

Doch die Entscheidung zu welcher Seite sie tendieren wollte, hatte man ihr längst genommen. Zumindest glaubte sie nicht mehr daran, dass das Schicksal ihr diese Wahl irgendwann noch einmal gewähren würde. Alles was sie getan hatte, nachdem sie auf Lucazec in imperiale Gefangenschaft geraten war, hatte die Waage in eine Richtung sinken lassen. Der Punkt, an dem ein Gleichgewicht niemals mehr möglich sein würde, schien bald erreicht zu sein. Ein Punkt der für Nashira nicht erstrebenswert war, denn er würde bedeuten, dass sie verloren hatte. So viele Jahre ihres Leben waren einem Kampf gleich gekommen. Einem Kampf zwischen ihr selbst und dem was sie zu sein hatte und sie hatte nicht vor zu verlieren. Wenn sie jetzt verlor, wäre alles umsonst gewesen. Weder hätte sie jemanden beschützt, noch jemanden gerettet. Das einzige was sie getan hätte wäre zu verraten was sie all die Jahre am Leben erhalten hatte.

Nashira spürte wie das schwache Flackern der Wut, die noch immer aufgrund der Vorkommnisse auf Irkalla in ihr vorherrschte, wieder an Stärke gewann. Nashira schloss ihre Augen und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Atmete langsam ein, füllte ihre Lungen mit Luft und ließ sie langsam wieder entweichen. Fokussierte ihre ganzes Wesen einzig und alleine auf diesen Vorgang, um nicht den Kampf gegen ihre eigenen Gefühle zu verlieren. Um weiter die Kontrolle über sich und ihr Handeln zu behalten. Um bereit zu sein für die letzte große Schlacht die noch vor ihr lag.
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