#1

Dathomir

[Bild: dathomir.jpg]

Der Planet Dathomir ist ein wenig erforschter Planet im Äußeren Rand. Den wenigen Personen, die ihn kennen, gilt er als Juwel mit beeindruckender Landschaft, weitgehend naturbelassen und frei von Großstädten. Die Oberfläche selbst besteht aus drei Kontinenten, die über einen gewaltigen Ozean voneinander getrennt sind. Ein einzigartiges Ökosystem sorgt für gemäßigtes, aber sehr variables Klima und lässt den Planeten von weitläufigen Gebirgen bis über Wüsten und dichteste Wälder reichen, mit Bäumen, die bis zu achtzig Meter in den Himmel ragen. Legenden besagen außerdem, die Natur sei so speziall, dass einem auf Dathomir die Macht im Wind zuflüstere.

Auf dem dünn besiedelten Planeten existiert nur wenig intelligentes Leben. Die machtgebabten Nachtschwestern - weithin auch als „Hexen von Dathomir“ bekannt - stellen das einzige einheimische Volk dar und werden seit der Gründung des Imperiums auf dem Planeten festgehalten. Der damalige imperiale Admiral Zsinj errichtete, um der Bedrohung durch sie zu begegnen, eine Blockade um den Planeten und ließ jedes flugfähige Raumschiff zerstören, so dass keine der Dathomir-Hexen den Planeten jemals verlassen konnte. Palpatine belohnte ihn daraufhin mit der Beförderung zum Großmoff und übergab ihm ein Executor-Schlachtschiff. Später errichtete Zsinj im Orbit des Planeten eine Raumstation mit Schiffswerft, die sein geheimes Hauptquartier werden sollte. Von dort aus regierte er schließlich seinen Obersektor. Die sogenannte „Rancor-Basis“ blieb auch nach der Schlacht von Endor das Nervenzentrum von Zsinjs neu gegründetem Reich, nachdem er sich vom Galaktischen Imperium abgespalten hatte.

Zahlreiche bedrohliche Tiere bewohnen jedoch auch den Planeten, nicht zuletzt sind die riesigen Rancors gefürchtet, die auf Dathomir bis zu zehn Meter groß werden können, möglicherweise aufgrund der geringen Schwerkraft. Die Nachtschwestern zähmen diese Riesen und benutzen sie als beeindruckende Reittiere.
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#2
Die Geschäfte liefen gut. Das war natürlich keine Überraschung. Es war die Zeit für clevere, gewiefte Geschäftsmänner, die aus dem Unorthodoxen heraus in dieser komplexen galaktischen Situation noch das Gespür besaßen, um solide und seriös wirtschaften zu können, seine Streitkräfte zu versorgen und sogar auszubauen. Zsinj war zweifellos einer dieser Männer. Auch wenn das nur wenige in der Galaxis so bestätigen würden. Das aufgedunsene Gesicht des Kriegsherrn verzog sich zu einem Lächeln und der extravagante Bart Zsinjs streichelte seine Wangen. Er zog an einer absurden Cigarra-Konstruktion, die es ihm gestattete, mehrere Stängel gleichzeitig zu rauchen. Dekadent? Zweifellos. Beabsichtigte er, diesen Eindruck nach außen hin zu erwecken? Natürlich. Es war nicht immer leicht, beständig die Tarnung aufrecht zu erhalten, ein kleiner, ignorierenswerter Fisch im großen Strom der Galaxis zu sein. Er hatte Schwäche vorgetäuscht, indem er nach der Schlacht von Endor diplomatische Fühler zur neu gegründeten Republik sowie allen anderen danach entstehenden Parteien ausgestreckt hatte. Unschwer war zu erkennen, für wie bedeutungslos man ihn hielt und ihm nichts zutraute. Wohl auch deshalb ignorierte die Republik ihn bislang vollständig, so dass man von einer Art Tolerierung, ja vielleicht einem Waffenstillstand sprechen mochte. Nicht dass es einen Vertrag gab oder jemals geben würde. Und selbst wenn, würde dieser sich in dem Moment überholen, in dem Zsinj im Nichteinhalten einen Zugewinn sah.

Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten war er nicht darauf angewiesen, andere Parteien oder Planeten zu überfallen, um seine Finanzen zu sanieren. Die Einnahmen sprudelten. Die zahlreichen Netzwerke überall in der Galaxis, die Geschäftskontakte, Scheinfirmen, Tarnnamen. All das zahlte sich jetzt aus. Vielleicht war es ein wenig ein Jammer, dass erst das Imperium untergehen musste, ehe er die vollen Vorzüge seiner Geschäfte im Vergleich zu anderen ernten konnte. Aber das Bedauern seitens Zsinjs dauerte lediglich einen Wimpernschlag an. Im Grunde hatte er ja mit seinen Vorkehrungen gerade darauf spekuliert. Bald schon würden seine Kassen noch weiter sprudeln. Das Schicksal hatte Zsinj begünstigt – nicht nur im Hinblick auf seinen vibromesserscharfen Verstand. In seiner Nähe lag einer der lukrativsten Gebiete der Galaxis, der Korporationssektor. Zufälligerweise führten die größten Transitrouten in den Sektor mitten durch Zsinjs Herrschaftsgebiet und somit war der Korporationssektor darauf angewiesen, dass er seine Grenzen offen hielt. Wo einige darin ein Problem sehen mochten, wenn sie Skrupel besaßen, sahen andere darin einen unschätzbaren Vorteil, bot es doch ein hervorragendes Argument für… nun… Zusammenarbeit. Hunderte Firmen mit weiteren Verbindungen in die gesamte Galaxis. Das Spinnennetz würde noch breiter werden und die Einnahmen durch den Handel mochten Zsinj vielleicht bald zum reichsten Mann der Galaxis machen. Das war zwar nicht das Wichtigste – auch wenn es ein durchaus angenehmer Nebeneffekt war -, aber ein praktischer Schritt für die Verwirklichung seiner Ziele. Welche auch immer er sich setzen würde. Man würde es sehen. Vorher stand noch jemand im Weg. Ein Widersacher, den es auszuschalten galt. Auf die eine oder andere Art.

Zsinj wandte sich dem großen Panoramafenster vor ihm zu, das ihm einen Blick auf Dathomir bot. Serenno mochte die Hauptwelt seines Reiches sein, doch der militärische Kopf saß in seiner Rancor-Basis hier im Orbit Dathomirs. Wunderschön strahlte die Sonne die Seite des Planeten an, beleuchtete die Werft in seinem Blickbereich und ließ die weit entfernten Panzerplatten der Iron Fist herrlich glänzen. Ein Bild, das ein Holobuch nicht schöner hätte zeigen können. Zsinjs scheinbare Schwäche war nur positiv. Jedenfalls im Moment. Im Vergleich zu den meisten anderen Parteien wurde er mit jedem Tag mächtiger – wie auch die Republik. Durch die Zerschlagung des Imperiums profitierten jedoch auch Zsinjs Untergrundorganisationen auf imperialen, aber auch auf republikanischen Welten, die weniger stark bewacht werden konnten, da die Republik immer mehr Material an die Front verlegen musste. Der Kriegsherr hatte keinen Zweifel daran, dass die Republik bald eine Großoffensive starten würde. Sie musste die Schwäche des Imperiums ausnutzen, solange es am Abgrund taumelte, um nicht nach einigen Monaten der Konsolidierung schließlich wie die Made, die sie tatsächlich war, zerschmettert zu werden. So musste die Republik sich zwangsläufig allein dem Imperium widmen und die imperialen Abspalter ignorieren, um nicht in einen Mehrfrontenkrieg zu geraten. Und das Imperium selbst? Zsinj gluckste. Geführt von einem Pestage, der vielleicht ein Organisator war – ein hervorragender sogar -, niemals aber ein Macher. Ein Imperium konnte man aber nicht konservieren, man musste schaffen. Ideen kreieren und fortentwickeln. Wie er, Zsinj. Auch wenn er realistisch genug war zu wissen, dass ihm das Privileg, über das Imperium zu herrschen niemals zuteilwerden würde. Trotzdem, Pestage war ein Mann der Gegenwart, doch ein Imperium benötigte einen Mann der Zukunft. Vesperum war wohl ein solcher gewesen, jedenfalls schien es so. Kein Wunder also, dass manche ihn zurücksehnten, auch wenn das in Anbetracht seiner Identität als Machtbegabter nicht einer gewissen Ironie entbehrte. Wahrscheinlich zeigte das aber ganz gut, in welch desolatem Zustand das sogenannte „Galaktische“ Imperium derzeit war. Nur noch ein Abziehbild alter Stärke. Auf lange Sicht würde es gegen die sogenannte Republik nicht bestehen können, nicht ohne Hilfe von außen. Dafür war es im Inneren zu schwach, zu zerstritten. Doch Zsinj konnte warten.

Irgendwann würde die Zeit kommen. Irgendwann würde die Galaxis ihn herausfordern – oder nein: Er würde sie herausfordern. Solange musste er nun einmal die Rolle spielen, die er inzwischen perfektioniert hatte. Und dann erst mochten die, die ihn jetzt noch belächelten, erkennen, wie sehr sie sich in ihm getäuscht hatten. Aber erst, wenn es zu spät war. Zsinjs Bart sträubte sich erneut, als seine Lippen sich zu einem Lächeln verformten. Und irgendwie hatte das Theaterspiel auch seinen ganz eigenen Reiz.
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#3
Klirrend stießen die beiden schwungvoll gestalteten Sektgläser aneinander, so dass ein kleiner Teil der prickelnden Flüssigkeit durch den Stoß aus dem Glas schwappte. Das schien indes nur einen der beiden Anwesenden zu stören. Alron Berrik saß etwas steif in seinem Stuhl, doch sein Gegenüber, Großmoff Zsinj, hatte darauf bestanden, dass die beiden zumindest ein Glas des herausragenden Sekts miteinander tranken. Die Unterhaltung mit Amber Ghazalah war ein paar Tage her und nun galt es, die unvermeidlichen Förmlichkeiten nach dem Deal hinter sich zu bringen. Bereits nach einem Schluck stellte Berrik jedoch sein Glas wieder auf dem Tisch ab und deutete somit an, dass er zu gehen gedachte. Er ließ sich nicht gerne auf solche Scharmützel ein. Zwar war er eine Art inoffizieller Repräsentant des Zsinj-Imperiums, aber diese Förmlichkeit hier mit seinem Auftrag- und Geldgeber – und mehr war Zsinj für ihn nicht – hatte nichts mit seiner eigentlichen Arbeit zu tun. Moral? Davon konnte er sich nichts kaufen. Ihn scherte nicht, ob sein Gegenüber morgen tot war, solange er morgen noch seinen Lohn überwies. Er musste dieses Treffen hier wohl hinnehmen, aber nicht für lang. Ein Schluck, gerade genug, um nicht unhöflich zu wirken, aber nicht genug, um irgendeinen emotionalen Bezug vermuten zu lassen, der nicht existent war. Besser wäre es, wenn er wieder an seinen Schreibtisch zurückkehren konnte, um seinen Dienst zu verrichten. Zumal Zsinj – dessen Wangen bereits eine leichte Rotfärbung besaßen, wenngleich manche behaupteten, dies sei ohnehin ein Dauerzustand – nicht unbedingt die Art der Gesellschaft war, die er im Privaten zwangsläufig zu pflegen gedachte. Diese wenige Zeit vertrieb er sich für gewöhnlich auf andere Weise, vor allem mit dem anderen Geschlecht. Auch wenn er dafür zahlen musste.
„Aber bitte, Alron“, flötete Zsinjs aufgeregte und gespielt enttäuschte Stimme unverblümt. „Wollen Sie wirklich schon gehen?“
„Ich fühle mich durch die Einladung geehrt, Großmoff. Aber meine Arbeit für Sie erledigt sich nicht von selbst.“
„Oh. Ja, natürlich. Nun denn…“
Der Großmoff nickte verständnisvoll, während er das Glas ungeschickt auf dem Tisch platzierte, lehnte sich kurz zurück und schob seinen Körper dann nach vorne, so als hätte er Schwung geholt, um überhaupt aus dem Stuhl zu kommen zu können.
„Sie haben mir gute Dienste geleistet, Alron. Ich bin mir sicher, Sie werden Ihren Bonus dafür angemessen finden.“
Ein diebisches Grinsen zeichnete sich auf dem aufgedunsenen Gesicht von Zsinj ab, bevor er freudig erregt in die Hände klatschte. Unmittelbar darauf zischte die Gleittüre in Berriks Rücken auf und eine elegante Frau trat in den Raum. Ein Bild von einer Frau! Jedenfalls empfand Berrik das, als er seinen Kopf zu ihr herumdrehte. Es war ihm schwer, ansatzweise ihr Alter zu bestimmen. Ihr schwarzes, langes Haar hing glatt vor den Schultern und glänzte facettenreich im künstlichen Licht. Nicht schlecht. Obwohl Berrik zugeben musste, dass er vielleicht schon ein paar wenig Hübschere gehabt hatte, kam er nicht umhin, sich zu fragen, ob der Großmoff die Frau nicht doch ganz bewusst nach seinem Schema auserwählt hatte, was es ihm schwer machen sollte zu widerstehen. Das war dann wohl seine Form, sich zu bedanken. Er kannte Berriks Schwäche, wenn man es so nennen wollte, denn dies war wohl eine, der er bereitwillig nachgab. Auch wenn diese einseitige Form des Kontakts ihm letztlich nicht viel einbrachte. Letztlich war ihm klar, dass er charakterlich so tot war wie eine ausgesperrte Motte, die zwar doch eigentlich immer wieder aus naturgegebenem Trieb das Licht suchte, es aber doch nie erreichen würde. Zsinj mochte sich davon vielleicht etwas wie Treue erhoffen, doch diese Vokabel existierte in Berriks Wörterbuch nicht, sondern nur das Wort Pragmatismus. Für einen Moment war Berriks Maschine geneigt, den Moff darauf hinzuweisen, dass sein Geschenk daher sinnlos war, doch letztlich hätte das mehr ihm selbst den Abend verdorben als Zsinj. Daher erschien ihm das nicht zweckmäßig.

Die Frau trat näher an Berrik heran, gekleidet in ein bereits zum Teil halb-transparentes Kleid, das allerdings nur wenige seltene Einblicke bot. Während der Großmoff sich umdrehte, meinte Berrik zu erkennen, wie dessen breites Lächeln von einer Sekunde in die nächste unnatürlich schnell endete, doch war Berrik bereits zu abgelenkt davon, dass die ihn lasziv umkreisende Frau ihm mit ihren zarten Fingern einer Hand erst über die eine, dann über die andere Schulter strich. Gerade so registrierte er, wie die Tür hinter Zsinj zuglitt und dieser die beiden allein ließ. Nun, immerhin wusste er, wann er wirklich störte. Aus großen, dunklen Augen fokussierte die Frau Berrik, als sie ihn zwei Mal umrundet hatte und trat so nah an ihn heran, dass er ihren Atem auf seiner Haut spüren konnte.
„Mehr als angemessen. Sehr großzügig“, antwortete er Zsinj schließlich, auch wenn dieser längst fort war. Er erntete dafür ein hübsches Lächeln der Frau, vielleicht über das von ihm zum Teil beabsichtigte Kompliment an ihr, aber er hatte genug Kenntnis von Mimik, dass er erkannte, dass das allenfalls ein nebensächlicher Grund war, wenngleich er nicht verstand, was sie dann primär dazu veranlasst haben konnte. Seine Gedanken verflüchtigten sich allerdings schnell, als die Frau begann, mit einer Hand ihre Haare nach hinten zu schieben, um ihre vom Kleid nicht verdeckten, strammen Schultern davon zu entblößen.
„Du hast ihm gut gedient“, sprach die Frau leise, noch immer leicht lächelnd, aber wie gewöhnlich bei solchen beruflichen Dingen mit einer offenbar professionellen Distanz zu ihrem Kunden. Berrik zuckte lediglich die Schultern. Er war nicht zum Schwatzen hier. Seine groben Finger versuchten, das Gesicht der Frau zu fassen, doch plötzlich schnellte eine ihrer Hände hoch und hinderte ihn daran, sie anzufassen. Widerspenstig? Das versprach… interessant zu werden.

Berrik wollte gerade einen gespielten, tadelnden Kommentar ablassen, als sich das Handgelenk der Frau ruckartig drehte und mit ihm seine eigene Hand. Reaktionslos betrachtete die Frau, wie es in Berriks Fingern knackte und dieser unter Schmerzen ungläubig aufschrie. Mit einer einzigen Bewegung hatte sie einen Schritt zur Seite gemacht, auch den anderen Arm gepackt und diesen so nach hinten gebogen, dass Berrik sich kaum mehr bewegen konnte, ohne sich selbst eine Schulter auszukugeln oder den Arm zu brechen. Die Frau stand jetzt in Berriks Rücken und drückte ein metallisches Objekt gegen sein Becken. Als er den Druck spürte, fror er sofort in seiner Bewegung ein und leistete keinen Widerstand mehr. Sie schob das Objekt in seiner Hüfthöhe seitwärts, bis es ihn nicht mehr berührte, dann bohrte sich ein gleißendes Licht durch seinen Anzugstoff und eine leuchtende Klinge streckte sich neben Berriks Hüfte hinauf zu seinem Hals, wo die Klingenspitze nur wenige Zentimeter neben seiner Halsschlagader zum Stillstand kam und dort gierig lauerte. Ein Surren ging durch den Raum. Wo er sonst immer die Kontrolle gehabt hatte und der Puppenspieler gewesen war, erkannte Berrik, dass er sowohl im großen als auch im kleinen Maßstab hier selbst nur die Puppe war, die austauschbar und entbehrlich wurde. Im Großen war es Zsinj, der – was Berrik jedoch immer klar war – ihn als vermeintlicher Weggefährte stets von oben gelenkt und gesteuert hatte, aber nun auch in dieser konkreten Situation hier in diesem Raum war er nun selbst der Machtlose. Berrik hatte nicht mehr die Macht über Menschen, nicht mehr die Kontrolle, die er benötigte, um nicht die Fassung zu verlieren. Das grelle Licht des Schwertes sengte an seinen kurz rasierten Bartstoppeln, ein kleines Zucken seinerseits hätte ihn bereits schwer verletzten können.
„Du hast ihm gut gedient“, wisperten die Lippen der Frau in sein linkes Ohr und schienen dabei zu seinem Verdruss einen besonderen Wert darauf zu legen, dass das kein gegenwärtiger, sondern nunmehr ein vergangener Status war.
„Eure Zusammenarbeit ist hiermit vorüber.“
Das Schwert schob sich ein Stück weit von Berriks Hals fort, so als würde die Frau zum Schlag ausholen, dann raste es wieder in seine Richtung.
„Nein, bitte!“, schrie Berrik instinktiv auf, als die sorgsam trainierte Fassade im Angesicht des Todes abfiel und der so hart verborgene Mensch dahinter zum Vorschein kam. Die feinen Lippen der Frau verzogen sich zu einem befriedigten Lächeln. Sie stoppte das Schwert wenige Zentimeter vor dem Hals erneut und strich ihm mit der freien Hand sanft über die linke Wange, fast als streichle sie ein kleines Jax, das gerade etwas richtig gemacht hatte. Doch kurz darauf drehte sie das Schwert um ein paar Grad so, dass Berrik die Klinge direkt vor seinen Augen sah.
„Dein Arrangement mit dem Großmoff hat niemals stattgefunden“, stellte sie fest. Es war keine Frage, keine Bitte. Es war eine Feststellung, ein Fakt, der nicht zu leugnen war und den kein Mensch in diesem Moment vernünftigerweise in Frage gestellt hätte.
„V-Verstanden.“
„Verlierst du jemals wieder in deinem Leben ein Wort darüber, so werde ich auch dort sein.“
Sie und ihr Schwert, das sich ihm entgegenreckte und nur scheinbar widerwillig von seinem Gesicht Abstand hielt, als ziehe dieses die Lichtwaffe geradezu an. Und plötzlich war ihm klar, wer dort hinter ihm stand, bereit sein Leben zu beenden, sollte sie irgendeinen Zweifel daran haben, dass er dieser Aufforderung nicht nachkam.
„Ihr seid… Lanu Pasiq?“, keuchte Berrik entsetzt.
„Korrekt.“
Der Mann schluckte hart. Würde Zsinj wirklich seine Inquisitorin auf ihn ansetzen, nur damit er nicht plauderte? Nun gut, Berrik wusste, dass es um seine eigenen Ideale wenig weit bestellt war und eigentlich nur ein richtiges Angebot kommen musste, eines, in dem sein Uhrwerk ebenso unbehelligt funktionieren konnte wie in dem unter Zsinj bisher. Bis zu diesem Moment. Inquisitoren waren darauf ausgebildet, unliebsame Gestalten in der Galaxis zu finden und zu vernichten. Die Galaxis war groß, sehr groß, aber es gab eigenartige Gerüchte über die Inquisitorin in Zsinjs Streitkräften. Es musste Zsinj wichtig sein, dass es nicht die Runde machte, dass er sich mit der Republik getroffen hatte, geschweige denn, das er ihr vertrauliche Informationen hatte zukommen lassen. Wenn die Republik das behauptete, konnte er das problemlos dementieren. Wenn es ein ehemaliger Mitarbeiter behauptete, wurde das weitaus schwieriger.
„Ich werde dich finden“, hauchte sie erneut. „Meine Verbündeten sind die Schatten, die dir folgen. Das Licht, das dich blendet. Wohin du auch gehst, du wirst niemals entkommen.“
„Ich schwöre, ich werde niemandem etwas erzählen“, sagte die Drohne Berrik und versuchte dabei, selbstbewusst zu wirken. Ein Fehler.
„Gewiss. Dennoch möchte ich, dass du dich immer an diesen Schwur erinnerst. Und an mich.“
Lanu Pasiq kippte ihr Lichtschwert erneut um ein paar Grad, bis es bedrohlich nahe an seiner linken Augenhöhle lag. In Berriks Magen zog es sofort und er versuchte instinktiv zurückzuweichen, doch die Frau ließ es mit ihrem Griff nicht zu. Bald sah er nur noch das gleißende Licht der Klinge vor seinem linken Auge. Knisternd verbrannten seine Wimpern an dem Strahl und schließlich vollführte die Inquisitorin zwei rasche Schnitte nach oben und unten, die sich in Stirn- und Jochbein fraßen. Berrik schloss das Auge, das sich sofort zu verflüssigen begann, doch eigenartigerweise spürte er keinen Schmerz mehr. War es der Schock? Berrik fühlte, wie ihm kurz schwarz vor Augen wurde und ihn der Schwindel zu übermannen drohte. Der Körper wurde schwer. Mit einem Zischen hatte die Schwertklinge die oberflächlichen Schnitte sofort wieder kauterisiert und stülpte die zerstörte Haut nach außen. Eine dicke Narbe würde auf ewig bleiben und sein Gesicht zieren. Die Klinge Pasiqs senkte sich.
„Der Großmoff würdigt hiermit deine erfolgreichen Dienste in seiner Obhut.“
Im ersten Moment hatte Berrik in seinen verschwommenen Gedanken gedacht, dass Lanu Pasiq einen höhnischen Scherz machte, doch anhand ihrer Tonlage wurde ihm schnell klar, dass es ohne jeden Zweifel die Wahrheit war. Seinen Diensten als einfache Maschine, seiner Routine und seiner Diskretion war es geschuldet, dass Zsinj ihn nicht einfach umbringen ließ. Es gab keinen anderen Grund. Er hoffte nur, dass Lanu Pasiq sich auch daran hielt, deren Tonfall andeutete, dass sie die Meinung des Großmoffs offenbar nicht teilte und Berrik lieber tot sehen würde. Für diesen hatte das Ganze aber nichts Persönliches, es war Geschäft. Wie immer. Nur dieses Mal nicht mit anderen, sondern mit ihm, Berrik, selbst als Objekt – und das war das Neue an der Situation. Letztlich war das selbst aus seiner eigenen Sicht nur logisch. So wie er über Schicksale entschieden hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, musste es auch Zsinj tun, um seine Interessen zu schützen. Doch war der exzentrische Großmoff überhaupt zu so viel Fingerspitzengefühl in der Lage? Man konnte nicht abstreiten, dass er meistens sehr plump wirkte und nicht wenige würden behaupten, er hatte mehr Glück als Verstand.

Berrik rätselte in seinem üblichen Repertoire noch erfolglos über eine angemessene Antwort in einer so unkonventionellen Situation, als Lanu Pasiq plötzlich an seine Schulter griff und ihn zwang, sich zu ihr herumzudrehen. Ihre dunklen Pupillen betrachteten ihr Werk aufmerksam und zufrieden, aber Berrik hatte sofort den Eindruck, dass sie ihn nicht nur deswegen musterte. Er versuchte, nicht zu zittern.
„Nachdem er seinen Standpunkt klargemacht hat, können wir nun zum interessanteren Teil übergehen“, sagte sie, während die Klinge in den Griff zurückglitt und sie diesen schlichtweg unter sich auf den edel verlegten Teppichboden fallen ließ. Die flinken Finger der Frau öffneten den oberen Verschluss seines Anzugs. Er fragte sich zwar, ob das wirklich noch zum Geschenk des Großmoffs gehörte oder nun nicht doch eher eine eigenwillige Auslegung von Pasiq selbst war. Zumindest aber war er nicht in der Lage, sich zu wehren. Oder vielleicht wollte er es auch nicht. Welche Ironie. Der Mann, der sonst Frauen mit Geld seinem Willen unterwarf, wurde nun selbst unterworfen, ohne etwas dafür zu erhalten. In Pasiqs Handeln steckte keine Rationalität, und auch keine Ideale, sondern nur die ungebremste Emotion. Und Emotion entwaffnete ihn. Hatte sie den Mann gebrochen? Kaum. Es war nur ein Moment. Vielleicht war es keine dauerhafte Lektion, die genügte, um die Natur in den Menschen zurückzubringen und die Maschine in ihm zu zerstören, doch eines würde er so oder so nie in seinem Leben vergessen. Den Namen Lanu Pasiq.
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#4
„Und was habe ich davon, Kriegsherr?“, fragte die bläuliche Gestalt im Holo-Projektor. Erwartbar. So erwartbar. Es ging darum, immer nur darum. Ganz gleich, wen man in dieser Galaxis fragte, es war immer nur eine Frage des Preises. Jeder hatte einen Preis. Jeder. Idealisten waren in der Regel nur solche Leute, die noch nicht herausgefunden hatten, wie hoch ihrer war, oder solche, denen bisher schlichtweg noch niemand ein Angebot gemacht hatte. Beides war leicht zu kontrollieren, wenn man wollte. Und wenn man ein Gespür hatte. Es gab Leute, die dies hatten und die sehr genau abschätzen konnten, wie weit sie gehen konnten.
„Sie verletzen mich. Ich hatte erwartet, meine Sympathie wäre ausreichend“, spielte Großmoff Zsinj gekränkt, ohne sich jedoch ein abstoßendes Grinsen aus dem fetten Gesicht zu zaubern. Er wollte, dass der andere es auch gut sehen konnte. Manchmal konnte er einfach nicht anders. Manchmal wurde er schlichtweg wieder zu dem Kind, das es so sehr liebte, mit seinen kleinen Tieren zu spielen, welche so unwissend und anders waren, die gar nicht verstanden, was er mit ihnen tat. Man musste nur wissen, wie weit man gehen konnte. Wenn man diesen Punkt abschätzen konnte und wusste, wie weit man den Bogen spannen konnte, ehe eine Person umschlug, konnte man viel erreichen, sehr viel. Neben der eigenen Belustigung auch seine Ziele, auf die man so oder so hinarbeite.
„Sparen Sie sich die Scherze“, antwortete der abgespaltene Admiral Terrinald Screed und seine Augenprothese funkelte bedrohlich. „Meine Zeit und meine Geduld sind begrenzt, wenn…“
„Die Hälfte meiner Einnahmen aus dem Handel mit dem Korporationssektor.“
Das war natürlich gelogen. Aber das spielte keine Rolle. Zsinj sah, wie sein Gegenüber stockte, selbst in der vergleichsweisen schlechten Bildübertragung des bläulich schimmernden Hologramms. Der ältere Mann hatte es nicht erwartet. Auch wenn er es versuchte zu verbergen, so musste man nur wissen, worauf man achtete. Doch nach einigen Sekunden des Schweigens wurde ihm wohl bewusst, dass es wenig Sinn hatte, diese Scharade aufrecht zu halten.
„Sie wollen Ihre Handelseinnahmen aus dem Korporationssektor zu meinen Gunsten halbieren?, fragte Screed skeptisch, um sich zu vergewissern, dass er seinen Gesprächspartner korrekt verstanden hatte.
„Nein, ich will es nicht. Aber ich kann es. Wenn wir den gesamten Import und Export nach bzw. in den Korporationssektor kontrollieren, bleibt mehr als genug für uns beide übrig. Und es ist nur gerecht. Wir wären dann schließlich gleichberechtigte Partner in unserer Allianz.“
Das war natürlich gelogen. In Anbetracht der militärischen und wirtschaftlichen Stärke war im Grunde klar, wer der Chef in dieser Allianz sein würde. Selbstredend würde Zsinj mit seinen zahlreichen verdeckten Identitäten, Geheimverträgen und Verschwiegenheitsklauseln dafür sorgen, dass der beweisbare Handel mit dem Korporationssektor nur einen Bruchteil dessen darstellte, was er eigentlich verdiente. Screed würde allenfalls den Stück eines Krümels erhalten, während er vom großen Kuchen gar nichts wusste. Nicht zuletzt, damit sein Partner auch nicht korrekt einschätzen konnte, welchen Bedarf und welche Stärke das Reich von Zsinj tatsächlich hatte. Jeder hielt ihn für kleiner als er tatsächlich war. So würde Screed weiterhin Schlüsse ziehen – welche auch immer das sein mochten –, aber immer aufgrund falscher Voraussetzungen. Zumindest wenn er Zsinj einigermaßen traute. Was er natürlich zunächst nicht tun würde, aber dann spielte die Täuschung ohnehin keine Rolle. Täuschung war schlichtweg die brillanteste aller Waffen. Nur die Cleveren. durchschauten eine Täuschung – und selbst wenn, würde der geschickte Täuscher zwar nicht gewinnen, durch seine Täuschung aber auch nichts verlieren. Es würde sich in der Zukunft zeigen, von welcher Sorte Admiral Screed sein würde.
„Ich verstehe. Und Sie versichern mir, dass Sie Ihr Handeln weiterhin auf der Grundlage der Imperialen Charta fußen lassen?“
„Selbstverständlich!“, protestierte Zsinj und sprang geradezu empört auf, dass Admiral Screed das überhaupt in Frage zu stellen schien.
Das war natürlich gelogen. In diesem Moment hätte er Screed alles versprochen, was dieser an Bedingungen gestellt hätte, wohlwissend, dass ein realistischer Einschätzer wie Screed keine irrationalen Bedingungen stellte, zumal die formale Annahme von Bedingungen noch nicht bedeutete, dass diese seitens Zsinj auch tatsächlich erfüllt wurden. Screed war derzeit das Tor zum Korporationssektor und Zsinj wollte durch dieses Tor schreiten – ob mit oder ohne Screed. Mit wäre günstiger. Also versuchte er es zunächst mit ihm. Schließlich setzte sich der Kriegsherr nach einigen Sekunden der gespielten Empörung wieder, wobei er dafür Sorge trug, dass sein schweres Atmen durch das Aufspringen gut im Sichtbereich des Holoempfängers zu sehen war. Wie ein eitler Geck strich er sich durch sein schütteres Haar, nachdem es vermeintlich in Unordnung geraten war. Schließlich räusperte er sich kurz und fuhr er mit leuchtenden Augen fort.
„Palpatine ist unser aller Maßstab. Als treusorgende Imperiale werden wir das Mögliche tun, um sein wahres Imperium wieder auferstehen zu lassen.“
Der Admiral verengte das gesunde Auge, wobei es dennoch so wirkte, als folge die Prothese diesem Beispiel. „Ich denke, Sie überschätzen Ihre Möglichkeiten etwas.“
„Ich bin mir meiner Möglichkeiten und Unmöglichkeiten sehr wohl bewusst“, lächelte Zsinj. „Ich kann den Handel des Korporationssektors schließlich nicht alleine kontrollieren.“
Das war natürlich gelogen. Er hätte es im Notfall tun können, aber es war unpraktisch und nicht ratsam. Es würde zu einem nicht sehr wünschenswerten Ausdünnen seiner Streitmacht führen – daher bevorzugte er, wenn stattdessen jemand anderes seine Streitmacht dafür ausdünnte. Das Ganze war deutlich einfacher, wenn sich jemand anderes darum kümmerte, zumindest so lange, bis sich ihre beiden Streitkräfte sich so weit vertrauten und untereinander durchmischt waren, dass sie sich schwerlich voneinander trennen ließen. Dann war es an der Zeit, Screed zu feuern. Am besten mit einer Kanone ins All.
„Wir werden sehen, Kriegsherr. Ich werde darüber nachdenken.“
„Gewiss, Admiral“, nickte der dicke Großmoff. „Lassen Sie meinen Kontaktmann wissen, wie Sie sich entschieden haben. Alle weiteren Details klären wir, falls Sie sich dafür entscheiden.“
So endete die Holokonferenz. Screed nickte knapp, dann erlosch das Holobild in wenigen Augenblicken. Es bestand kein Zweifel, dass er das Angebot annehmen würde. Im Gegensatz zu anderen hatte sich Zsinj nie wirklich vom Imperium distanziert, somit war sein Bekenntnis zur imperialen Ideologie glaubhaft, aber selbst wenn es anders gewesen wäre, war das Angebot fürstlich. Schon unter den Zahlen, die Screed nun durchrechnen lassen würde. Der Korporationssektor war das lukrativste Gebiet der gesamten Galaxis, Screed dagegen einer der angesehensten imperialen Militärs, die sich nach Endor abgespalten hatten. Zwei Vorteile zu einem kleinen Preis. Jemanden wie Screed zu sich ins Boot zu holen, würde Zsinjs Reputation bei unentschlossenen Imperialen, die nicht wussten, wo ihr Weg nach Endor lag, zweifellos bessern und vielleicht ein paar weitere Freiwillige zu ihm lotsen, zumindest aber die Hemmschwelle senken und somit ihren Preis mindern. Ja, letztlich lief es in der Tat immer darauf hinaus. Jeder hatte seinen Preis. Ein Preis, der von zahlreichen Umständen abhängig war und den man mit dem Jonglieren von verschiedenen Faktoren zu seinen eigenen Gunsten verbessern konnte, sofern man diese Faktoren richtig beeinflusste. Man musste lediglich aufpassen, nicht zu sorglos zu jonglieren, sonst passierte es leicht, dass einem etwas abhandenkam.
„Melvar?“, sprach Zsinj schließlich in das Kom-Gerät an seinem Tisch, die Stimme nun plötzlich weitaus weniger schrill, sondern völlig natürlich, der Atem gemäßigt und der Blick fokussiert.
„Ja, Kriegsherr?“, antwortete die tiefe Stimme seines Stellvertreters verzerrt aus dem Gerät.
„Lassen Sie Kontakt mit Ghazalah aufnehmen. Inoffiziell, versteht sich. Ich brauche noch einige dieser Typhoon-Fregatten. Nach dem, was mir die angefertigten Risszeichnungen sagen, eignen sie sich gut für das, was wir vorhaben. Bestenfalls um die hundert Exemplare, falls das möglich ist. Und ich möchte wissen, wie lange Forerunner für eine Lieferung dieser Größenordnung benötigen würden.“
Es dauerte einige Zeit, bis sich der Mann in der Leitung meldete. „Einhundert Fregatten? Das kostet.“
„Das ist mir bewusst. Teubbos Kalkulationen sehen darin kein Problem, wenn es sich so entwickelt wie gedacht. Es wird sich in diesem Fall schnell rechnen.“
„Gut, ich werde es veranlassen. Sonst noch etwas, Kriegsherr?“
„Nein“, antwortete der Kriegsherr und lehnte sich genüsslich in seinem Stuhl zurück. „Vergessen Sie nur nicht, auf unseren netten Rabatt hinzuweisen und sich dafür angemessen zu bedanken. Verwenden Sie dieses Mal das Muster Unterwürfigkeit. Sie wissen schon.“
„Natürlich. Auch wenn ich hoffe, dass wir dieses demütigende Theater bald beenden können.“
„Wir werden sehen, General. Ich werde darüber nachdenken.“
Natürlich echote er Screeds Worte damit bewusst. Alles war Theater. Ob man es nun spielen wollte oder nicht. Die Kameras waren versteckt, nein, es gab schlichtweg keine, aber zumindest gab es eine Person, der das Ganze Freude bereitete. Die meisten waren Komparsen, einige waren Darsteller und nur wenige waren Regisseur, nach dessen Stichwörtern die anderen handelten. Es war eine Schande, dass Melvar seine Passion zu diesem schönen Theaterstück nicht teilen konnte. Darsteller, die glaubten, Regisseure zu sein, waren letztlich immer die amüsantesten Beteiligten eines Stücks. Darsteller musste er bezahlen, auf die eine oder andere Art. Doch früher oder später würde jemand die unsichtbaren Fäden erkennen, an denen er hing, aber erst, wenn die Zeit reif war. Der Vorhang durfte nicht zu früh fallen, aber auch nicht zu spät. Die Inszenierung musste stimmen. Nur ein ungeduldiges Publikum würde es nicht erwarten können. Schlechtes Publikum war wahrlich eine Schande für jeden Künstler.
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#5
Kriegsherr Zsinj lag auf einem massiven, aus allerlei Farben wild gemusterten Sofa, das sinnlos in der Mitte des ansonsten völlig leeren Raums stand und den Mann um das Vierfache seiner eigenen Größe überragte. Er putzte sich den Mund und mit besonderer Bedacht den gezwirbelten Schnurrbart ab und ließ die Serviette dann auf den Teller fallen, den einer seiner besonders kriecherischen Diener mit einer untertänigen Geste daraufhin forttrug. Ah ja, wie die alten Kaiser aus längst vergangenen Jahrtausenden. Das war gerade gut genug als Bild, das er nach draußen zu entsenden gedachte und zweifellos die Runde machen würde und auch sollte. Unvorbereitet, nur sich selbst und seinem Genuss gewidmet – eben ein dekadenter, aufgeblasener Wichtigtuer. Wichtigtuer belächelte man.

Als sich die Schiebetüre hinter dem Diener geschlossen hatte, setzte sich Zsinj langsam auf und klopfte ein Mal müde gegen seine Brust, als könne er damit seine Verdauung beschleunigen. Die erfolgreichen Meldungen von Null und Vulta waren heute in der Tat nur eine Randnotiz gewesen, aber zumindest schien alles glatt gegangen zu sein. Solange nicht klar war, wer dahintersteckte, war nun einmal alles glatt gegangen. Feinde, die für das Ganze in Betracht kamen, hatte das Imperium schließlich genug. Und mehr würde er selbst sich gegenüber dem Imperium nun ohnehin nicht mehr erlauben. Im Moment. Bis die Zeit reif war. Der heutige Tag war aus einem ganz anderen Tag ein Festtag.
„Sind Sie sicher, Kriegsherr? Nach dem Deal mit Ghazalah sollten wir vielleicht nicht unsere Finanzen für so etwas hergeben. Das könnte immerhin ein paar Reserven aufbrauchen, die wir spontan benötigen könnten. Ich glaube nicht, dass Teubbo das gefallen wird.“
Neben dem absurd großen Sofa stand Zsinjs Stellvertreter General Melvar und betrachtete skeptisch ein Datapad, das der Kriegsherr ihm vor seinem dekadenten Mahl zur Durchsicht ausgehändigt hatte. Dieser gähnte unterdrückt und versuchte aufzustehen, was jedoch erst beim zweiten Mal gelang. Nutzloser Körper.
„Ich denke, er wird seine Freude daran haben“, entgegnete Zsinj knapp. Wahrscheinlich nicht, dafür war der Hutte Teubbo zu sehr Ökonom, aber zumindest würde er, Zsinj, seine Freude daran haben. Und letztlich war es ja doch nur das, was eigentlich zählte.

Die verschollenen Kunstschätze von Eriadu, die während der großen Schlacht dort vor über einem Monat unauffindbar verschwunden waren, waren nun also endlich auf einem der extravaganteren Teile des Schwarzmarkts aufgetaucht. Zsinj hatte zahlreiche Beobachter darauf angesetzt, damit er diesen Moment abpassen konnte. Nun, nach einem Monat, war das Geld des Mannes, der die Schätze zu seinen undurchsichtigen Zwecken geraubt hatte, offenbar aufgebraucht und er versuchte, aus seiner Beute möglichst unauffällig und möglichst viel Kapital zu schlagen. Die einzelnen Gegenstände waren an verschiedensten Orten der Galaxis aufgetaucht und wurden nun moralfreien Sammlern feilgeboten, die schlichtweg zu viel Geld hatten und vielleicht auch den Reiz des Verbotenen damit auskosten wollten. Nicht einmal im Imperium konnten viele von sich behaupten, kostbare Raubkunst in ihren privaten Villen ausstellen zu können. War das der Grund für Zsinj? Selbstverständlich nicht. Es war eben ein Geschäft. Alles war ein Geschäft. Das Legale, wie das Illegale eben auch. Wer nicht erwischt wurde, für den war es schließlich ohnehin einerlei.
„Delvardus gibt sich allerdings große Mühe, seine Spuren zu verwischen“, sagte General Melvar, während er weiter das Datapad studierte. „Alle unsere Versuche, ihn über die Geschäfte ausfindig zu machen, sind bisher gescheitert. Erst letzte Woche haben wir fünf Agenten verloren. Er macht das recht clever und scheint sich gut versteckt zu haben.“
„Ein Jammer“, meinte Zsinj. Natürlich war es nur ein Jammer, dass sie den abtrünnigen Delvardus, der für die imperiale Niederlage auf Eriadu mitverantwortlich war, nicht gefunden hatten, der Rest war unwichtig. Agenten waren schließlich nicht teuer. „Aber wir werden ihn schon noch finden. Und ich bin zuversichtlich, dass die Information einigen Leuten im Imperium sehr viel Geld wert wäre. Es wird sich noch auszahlen, selbst wenn es dauert.“

Die Kunstbeute würde zu Delvardus führen, früher oder später. Jeder machte Fehler. Nun, die meisten jedenfalls. Aber letztlich war das nur der kleinere, der unwichtigere Teil. Delvardus war irrelevant, auch wenn Zsinj innerlich einräumte, dass die Idee mit dem Kunstraub von Eriadu ihn amüsierte. Vordergründig immer das Gute von Eriadu und dessen einflussreichen Familien vorgebend und am Ende waren diese nun der eigentliche Verlierer des Ganzen geworden. Seinen Kulturschätzen beraubt, eine Wirtschaftskrise vor der Tür aufgrund des Handelsverbots mit dem Imperium. Eriadu war ein Pulverfass geworden, aber sein Stolz und seine Arroganz waren natürlich ungebrochen. In solchen Zeiten war es immer wichtig, positive Meldungen vorbringen zu können, um Druck vom brodelnden Kessel zu nehmen. Nun ja, Zsinj würde sie ihnen geben. Mehr oder weniger.
„Welche Identität wäre für den Erwerb der Kunststücke angemessen?“, fragte er Melvar tonlos – eine Aufforderung, ihn mit einem angemessenen Vorschlag zu belustigen.
„Der Mon-Calamari-Geschäftsmann mit Hang zur Dramatik würde hier vermutlich sehr passend sein und darüber hinaus Ihren Geschmack treffen.“
Zsinjs Körper krümmte sich kurz, als der Mann sich ein spontanes Lachen verkniff, was nicht vollständig gelang, aber dazu führte, dass es mehr einem Glucksen glich. Ein Angehöriger der Spezies, die prozentual gesehen auf Eriadu die meisten Sklaven für reiche Familien stellte, erstand die gesammelte Beutekunst Eriadus? Perfekt. Wie herrlich ironisch die Galaxis doch sein konnte. Und wenn sie es einmal nicht von selbst war, dann machte man sie eben selber dazu.
„Sehr schön. Veranlassen Sie das, Melvar. Und vergessen Sie nicht: Jedes Stück. Es spielt keine Rolle, wie viel es mich im Moment kostet.“
„Die Stücke sind natürlich begehrt. Viel also.“
„Gut. Je teurer, desto mehr können wir dafür dann später verlangen. Notfalls treiben Sie den Preis noch etwas mit einer anderen Identität nach oben. Aber der Calamari muss den Zuschlag bekommen.“
Ein Mon Calamari, der die Beutekunst erstand, würde die Offiziellen auf Eriadu wahnsinnig und extrem nervös werden lassen. Einem solchen Alien ausgeliefert zu sein, musste aus deren Sicht unerträglich sein. Doch die Verzweiflung und die politische Lage auf dem Planeten würde sie dazu zwingen, ihr kulturelles Erbe zurückzukaufen, wenn man es ihnen anbot. Zu welchem Preis auch immer. Niemand wollte die wichtigsten und ältesten kulturellen Errungenschaften seines Volks verloren oder verschwunden wissen. Oder zur Belustigung eines reichen, wenn auch fiktiven Mon Calamari, der sich möglicherweise für die Sklaverei seiner Spezies an den Eriaduanern rächen wollte, zerstört wissen. Mit anderen Worten: Eriadu würde notfalls einfach alles zahlen, was nötig war, solange die Sammlung nur komplett war und sie sich im Anschluss an ihrer glorreichen Zeit aus der Vergangenheit sonnen konnten. Das Zehn-, ja vielleicht das Hundertfache des Preises, zu dem Zsinjs Identität es seinerzeits gekauft haben würde. Je teurer der Kauf für Zsinj wurde, desto mehr Profit machte er später mit Eriadu. Ja, manchmal war die Galaxis in der Tat herrlich ironisch.
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#6
„Ein Allegiance-Schlachtkreuzer? Sind wir uns da sicher?“
Kriegsherr Zsinj legte das Datapad zurück auf seinen Schreibtisch und lehnte sich mit zusammengekniffenen Augenbrauen angespannt in seinem ausladenden Stuhl zurück.
„Absolut. Die ComScan-Daten sind eindeutig und lassen keinen Spielraum für irgendwelche Interpretationen“, entgegnete ihm sein Stellvertreter, General Melvar, der die Informationen kürzlich von einem Tiefraumaufklärer erhalten hatte.
Korriban? Eine verlassene Ödnis. Von seinen Piraten und Glücksrittern, die Zsinj immer wieder für verschiedenste Dienste anheuerte, wird der Planet gerne als eine Art verwunschene Welt angesehen, die von solchen mit einer gewissen Bauernschläue schlechterdings gemieden wurde. Prinzipiell hatte Zsinj in seinen Jahren gelernt, die Bauernschläue weitreisender und gut vernetzter Personen schätzen zu lernen, da häufig irgendetwas an diesen Gerüchten stimmte – wenn es auch womöglich andere Ursachen hatte als ein böser Fluch oder Weltraumsagen. Wenn allerdings das Imperium über einem Planeten nahe seines Einflussbereiches mit einem übergroßen Raumschiff kreuzte, so war dies etwas, das er nicht einfach zu ignorieren vermochte.
„Wissen wir, was die da treiben?“
„Unbekannt.“
Zsinj strich sich über das massive Kinn. Ein imperiales Schiff in seinem Einflussbereich war schlussendlich ein Problem. Nicht weil man davon ausgehen musste, dass dieses ihm den Einflussbereich streitig machen würde oder weil es auf Zsinjs Schiffe das Feuer eröffnen würde. Sondern weil es dazu führen konnte, dass Zsinj seine Isolationshaltung aufgeben musste, sollte der Bruch mit dem Imperialen Zentrum nach außen offen wurde und damit auch offener Krieg mit dem Kernimperium drohte. Daran war dem Großmoff allerdings nicht gelegen – vielleicht noch nicht. Möglicherweise auch nie. Aktuell war seine Position zu gut, um sie durch eine unglückliche Aktion zu gefährden. Das Problem musste daher schnell und unauffällig beseitigt werden, ehe es die Möglichkeit hatte, mit Zsinjs Truppen selbst Kontakt aufzunehmen. Die Miene des Kriegsherren entspannte sich etwas, als er seine Entscheidung traf.
„Eliminieren Sie sie. Nehmen Sie ein Störschiff mit. Ich will nicht, dass sie vor ihrer Vernichtung irgendwelche Nachrichten funken können.“
Es durfte nur nichts schief gehen. Sollte es dabei zu irgendwelchen Komplikationen kommen, so war die bequeme Lage, in der er war, Geschichte. Das Imperium würde einen kriegerischen Akt aus seiner Richtung nicht einfach hinnehmen, so er diesem bekannt würde. Darum war es von höchster Bedeutung, dass eben genau dies nicht passieren durfte.

„Die Abaddon ist das Schiff einer Inquisitorin – Reah Nigidus“, sagte einen Moment später eine dritte, mahnende Stimme aus dem Hintergrund.
Zsinj hatte nicht bemerkt, wie sie in das Büro getreten war. Er schob seinen Oberkörper etwas zur Seite, um von seiner Perspektive aus neben Melvar blicken zu können. Aus dem Halbschatten der offen stehenden Bürotüre trat Lanu Pasiq, die – und das war in der Tat etwas, das der Kriegsherr bislang noch nie erlebt hatte – mit ebenso angespannter Haltung neben Melvar herantrat, ohne diesen dabei anzusehen. Sie überlegte dabei einen Moment lang, in dem sie ihre Augen von Zsinj abwandte und auf das Datapad richtete, ehe sie fortfuhr.
„Wir müssen sehr vorsichtig sein, wen wir hier erzürnen.“
„Halten Sie es für realisierbar?“
Ein kurzes Zucken in den Augen der Inquisitorin. Beinah als sei seine Frage eine Herausforderung gewesen.
„Ja“, entgegnete sie kühl. „Sie wird auf dem Planeten sein, nicht im Orbit. Korriban zieht unsereins wie Fliegen an. Womöglich ist eine Kommunikation mit ihr selbst machbar. Das Schiff sollte dennoch ausgeschaltet werden, andernfalls sehe ich keine… Basis hierfür.“
„Selbstverständlich“, bekräftigte Zsinj nickend und wiegelte ab, als sei dies ohnehin klar gewesen. „In diesem Fall sollten Sie besser mitgehen und das persönlich in die Wege leiten.“
Lanu Pasiq nickte kommentarlos, auch wenn sie dabei nicht den Eindruck vermittelte, hiermit unzufrieden zu sein. Für Zsinj war unklar, ob es zwischen den beiden Inquisitorinnen irgendeine Form von Vorgeschichte gab oder nicht. Schlussendlich spielte das auch keine Rolle. Er hatte gelernt, dass entsprechende Rückfragen keine weiteren Informationen preisgaben. Inquisitoren sprachen nicht über ihre Vergangenheit und so mochte der Kriegsherr nur darüber zu spekulieren, welche Dinge früher passiert waren, dass sich eine Person wie Lanu Pasiq so bereitwillig nach dem Zerfall des Imperiums so weit wie möglich vom Herzen eben dieses Imperiums entfernt hatte. Etwas, das, wie er gelernt hatte, wohl nicht gänzlich unüblich zu gewesen sein schien. Auch dies sprach bereits Bände für die Herangehensweise des Inquisitorius. Im Endeffekt war Isards Geheimdienst hier auch alles zuzutrauen - und vermutlich war das, was Zsinj sich diesbezüglich vorstellen konnte, nur ein Bruchteil der Wahrheit.
„Nun denn, gehen wir es an“, sagte er und schloss die Besprechung, indem er freudiger als noch zu Beginn in die Hände klatschte. Ein gewisses Vabanquespiel vermochte das Leben schließlich erst interessant zu machen.
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#7
Zwielicht. Die nahende Dunkelheit brach über die grausame Welt herein und tünchte die Wirklichkeit der Welt in ein surreales purpurnes Licht. Spitze Zackenformationen vertrackter Kluften und Gebirgszüge reckten sich, wie Finger gleich dem ewigen All entgegen, fasst schon, als geiferten sie danach in dieses kaum fassbare Konstrukt des Kosmos zu greifen. Die sanfte Sinfonie der Dämmerung glich eher einem alptraumhaften Chor unterweltlichen Ursprungs. Grässliches Knurren und Geheul ließen darauf schließen, dass die gefürchteten Jäger der Nacht langsam aktiv wurden und sich auf die Pirsch begaben. Die größten und alptraumhaftesten Jäger dieses unmenschlichen Ödlandes, konnten mitunter jedoch auch die unscheinbarsten Formen annehmbaren, die wohligsten Gesänge anstimmen. "Ssshhh!", sprach eine leise Frauenstimme und hob eine unwirklich fahle, geisterhafte Hand. Die Frau befand sich auf einem der zerfurchten Pfade inmitten dieser immerwährenden Wildnis. Eng und verschlungen, windete sich der Weg vor ihr spiralförmig nach oben, hin zu den zerfallenen Zinnen einer modrigen Ruine. Einst eine Festung? Ein Tempel? Nun aber vor allem ein Unterschlupf für die Nacht, ein Hort der Ruhe und des Friedens. Vor der bleichen Frau, mit ihrer geisterhaften Hand befand sich eine größere Kreatur, vollgepackt mit allerlei Vorräten für eine unmöglich lang erscheinende Reise. Mit seinen kräftigen Beinen, dem massigen Leib und der dicken, ledrigen Haut, machte das Tier einen robusten Eindruck. Zumindest tat es das für gewöhnlich. Nun aber hinkte es ein wenig, schleppte sich schwer schnaufen voran und stimmte ab und an in das wilde Geheul der Nacht mit ein. Es war noch nicht lange her, überlegte der gespenstische Schemen, vielleicht zwei oder drei Stunden, als sie diesen zerklüfteten Bergpfad betreten hatte. Der Bolmas hatte sich im Geröll verfangen und war ungünstig gestürzt. Zuerst schien es, als würde sich das Tier wieder fangen, doch nun benötigte es immer mehr Pausen und in Anbetracht des glitzernden Sternenhimmels, fühlte sie sich als leichte Beute - oder eher, sie fand, dass der Bolmas leichte Beute darstellte und sie hatte kein Interesse daran, dass sich die gefräßige Fauna des Planeten an ihm labte. Zumindest noch nicht, vielleicht auch nie.

Ein neues Lied fand seinen Einklang in die Düsternis, während sie die verwundete Kreatur vor sich beäugte. Aus der ferne hörte sie das dumpfe rhythmische Geräusch von Trommelschlägen - offenbar würden sich einige der Zabrak bald dem nächtlichen Treiben anschließen, doch das sollte sie weder bekümmern noch stören. Vielleicht würde Calin'thir am nächsten morgen die nächstgelegene Siedlung besuchen, die jungen und übermütigen Krieger wieder instandsetzen, die Alten und Schwachen dafür opfern und ihnen ihre letzten Riten zukommen lassen. Denn so war es nun einmal: einer mochte sterben, damit der nächste leben konnte. Und so würde es auch mit ihrem Bolmas vonstatten gehen. Die Machthexe trat einen Schritt näher an das Tier heran und beäugte einen schweren Sack, der sich in der Dunkelheit zu winden schien. Vorsicht stuppste sie mit einer Hand dagegen, was sogleich eine protestierende Reaktion in Form eines geifernden Fauchens nach sich zog. Was auch immer sich darin befand, schien sein Schicksal offensichtlich zu kennen oder wollte nicht gestört werden. Die Dathomiri lächelte milde. Es war einerlei. Sie hatte entschieden wer heute leben durfte und wer sterben musste und kein Winden würde daran etwas ändern. Die Hexe bückte sich und griff nach einem etwa faustgroßen Stein - ein brachiales Narkosemittel aber zweifellos wirkungsvoll, ehe sie sich wieder erhob und damit einmal fest auf den Sack schlug - in etwa dorthin,wo sie den Kopf des Wesens vermutete. Mit einem verwundeten Fiepsen, nahm die Aktivität in dem Behältnis ab, so, dass Calin'thir dieses lösen und entleeren konnte. Zum Vorschein kam eine etwa rattengroße, überragend hässliche Kreatur mit aufgeblähtem Bauch, kräftigen Pfoten, schwefelgelben, nun angsterfüllten Augen und spitzen, aufgestellten Ohren. Offenbar hatte sie nicht gut getroffen. Die Dathomiri packte die Kreatur im Nacken und drückte sie zu Boden - bevor das dumme Vieh doch noch auf die Idee kam zu fliehen - ehe sie ihr Messer zückte und es dem rattenartigen Wesen durch ihr Hinterbein trieb.
Ein markerschütterndes Kreischen erfüllte für einen Moment die Kluft, bevor die Kreatur, mehr aus Reflex als aus echtem Kampfeswillen, erfolglos versuchte nach ihrer Hand zu schnappen. Die Machthexe ließ sich indes nicht beirren und zog mit ihrem Finger eine dünne Linie in den Sand, von der Ratte weg zu ihrem Bolmas, ehe sie sich zwischen die beiden setzte und jedem mit einem Blick bedachte. Dann schloss sie ihre Augen und lauschte den fernen Trommeln, hörte auf den feinen Rhythmus, bis er zu ihrem Herzschlag wurde und stimmte mit einer leisen Melodie ein. Vor ihrem innen Auge, sah sie, wie das Leben allmählich aus der widerwärtigen Kreatur hinaussickerte, sich in die Welt ergoss und irgendwann im dürren Boden vergehen würde. Calin'thir streckte eine Hand in Richtung des vom Tode bedrohten Geschöpfs, während sich fahlgrüne, geisterhafte Fäden um das Wesen woben. Stark konzentriert, war sie sehr darauf bedacht nichts vom wertvollen Nektar des Lebens zu vergeuden und spürte, wie der kosmische Kanal die Energien zu ihr zurückführte. Berauschend. Aber dies war nicht für die Dathomiri, sie war lediglich eine Art Vermittler, die höhere Instanz, die entschied, wem dieses Geschenk zuteil werden sollte. Sie streckte ihre andere Hand dem schnaufenden Bolmas entgegen, während sich dieselben Fäden um das verwundete Bein wanden, Fleisch und Knochen vitalisierten. Der Prozess dauerte einige Minuten - die Dosis war entscheidend, die richtige Menge zur richtigen Zeit und kein Deut zu viel. Vorsichtig führte Calin'thir ihre Hände zum Boden, spreizte die Finger weit auseinander und löste den Knoten des verwobenen Lebens. Der Tausch war vollzogen und was übrig blieb, floss sanft ab in jene Welt unter ihr. Langsam öffnete sie ihre Lider und betrachtete den unfreiwilligen Spender. Röcheln, die letzten Atemzüge, die doch eine unendliche Qual sein konnten. Bestimmt erhob sich die Machthexe und trat an das Geschöpf heran. Mit einer flüssigen und offenbar sehr geübten Bewegung umschloss sie das Genick der Kreatur und brach es mit einem widerlichen Knacken. Es kam keinen Grund dieses Leid weiter hinauszuzögern. Danach zog sie ihr Messer aus der Hinterpfote und stopfte den wabbligen Kadaver zurück in den Sack - vielleicht gab es demnächst noch einmal Verwendung dafür, ehe die Dathomiri wieder alles am Bolmas verzurrte und der Kreatur einen auffordernden Klaps gab. Das Tier grunzte und stapfte, nunmehr wieder weitaus zielstrebiger, voran.

Die Dunkelheit hatte ihren Zenit erreicht und das Feuer, entfacht aus verdorrtem Holz beschwor tanzende Schattendämonen an den Wänden der antiken Ruine, in der Calin'thir Schutz gesucht hatte. Züngelnd und gierig sprangen die Schemen an den Wänden auf und ab und schickten sich an, Traum und Wirklichkeit zu zerreißen. Die Machthexe saß derweil kniend am Feuer, während ein schlafender Bolmas offenbar zufrieden grunzte und betrachtete einige Schieferplättchen mit fremdartigen, skurillen Symbolen vor ihr. Ab und an nahm sie einige dieser Plättchen und vertauschte sie, brachte sie in neue Konstellationen, als ob sie ihr etwas anderes zeigen würden. Dann wieder erhob sich ihr Blick, linste durch die halb eingestürzte Decke dieses vielleicht einstmals prächtigen Domizils, hinauf zu den sterben. In der Ferne des Alls blitzten gelegentlich bedrohlich wirkende Lichter auf, auch wenn sie von hier unten nur erscheinen mochte, wie schwache Funken. Irgendwann aber, würden diese Funken näher kommen und zu einer heißen Glut werden, die sich über diese Ödnis ergoss. Wieder einmal ergoss. Vielleicht diese Nacht, vielleicht in der nächsten. Oder aber auch erst in zehn Jahren, das konnte sie nicht sagen. Aber sie würden kommen und wenn sie den Mond und alles, was sich darum tummelte, auf diese Welt herabzerren musste. Die Dathomiri nahm eine der Tafeln und hielt sie in das heiße Licht des Feuers. Das Symbol zeigte in etwa die krude wirkende Abbildung eines Augapfels. Oh, sie würde sehen, sehen, was hinter dem fürchterlichen roten Schleier Dathomirs lag und die Wirklichkeit dahinter betreten. Dann würde sie sehen, was Gethzerion nicht sah und die Clanmutter würde ihr zuhören. Dann würde sie die fürchterliche und kryptische Deutung Irillas erkennen und verstehen, woran das kosmische Gefüge so krankte, verstehen, warum die Dinge nicht mehr so waren wie früher und nie wieder sein würden. Das Gestirn der Macht war zerrüttet und aus dem Kadaver ergoss sich eine Flut aus Wahn und Eifer, die viel, die alles und jeden in ihrem Strudel hinabzuziehen drohte.
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#8
Lumi'ell durchstreifte in fester Absicht, ihren eigenen Gedanken zu entkommen, den endlosen Wald aus nahtoten Bäumen, wie sie nur Dathomir kannte. Der rotbraune Sand unter ihren Füßen knirschte bei jedem Schritt, während sie geschickt Wurzelwerk auswich. Egal, was sie glaubte, was sie wirklich glaubte, war bedeutungslos geworden. Solange Gethzerion herrschte, war jedes Spiel bereits verloren, bevor es begonnen hatte. Alles war verloren, denn ihre Wünsche und Gedanken hatten sich gegen den alten Weg gestellt. Und so musste sie für sich einen neuen Weg finden. Doch dieser Weg offenbarte sich nicht einfach oder zeigte sich mit einer Markierung. Nach dem Verlust ihres besten Freundes, nach dem Verlust eines Zugehörigkeitsgefühl und nach all dem, was Gethzerion verlangt hatte, war sie haltlos geworden. Wie viele Tränen hätte sie vergiessen können? Doch hatte sie keine Träne vergossen. Nicht eine einzige. Denn dieses Zeichen der Schwäche war ihr abhanden gekommen und doch brauchte sie es in diesem Augenblick umso mehr. Es war dieses Gefühl, dieses brennende Gefühl, eines Schmerzes, welcher nicht beschrieben, sondern nur gezeigt werden konnte. Tränen hätten ihr Erleichterung verschaffen können aber eine Nachtschwester, wie sie eine war, konnte nicht mehr weinen. Trauer wandelte sich Zorn; und Zorn wandelte sich in Schmerz, einem kalten Schmerz, welcher sie zwar weiter trug aber keinen Sinn geben konnte. Ihr Verstand fühlte sich fern an, während ihr Herz heftig schlug. Es hatte die Trümmer zusammengesucht, sich erneut zusammen gesetzt, um nicht einfach zu vergehen. Lumi'ell wusste einfach, dass sie nicht Gethzerions Waffe werden wollte. Äste schlugen gegen ihre Arme, als das graue Holz dichter und dichter wurde. Doch dieser Schmerz war vergänglich. Wie sehr sie sich wünschte, dass dieser Schmerz in ihrem Herzen vergehen würde, der inzwischen zu einer Sehnsucht nach Flucht geworden war.

Sie hatte mit niemandem darüber gesprochen. Keine Schwester wusste davon, dass sie davongelaufen war. Von heute auf morgen war sie einfach gelaufen, fort von Gethzerion und ihrem Zirkel, weil sie deren Stille gegenüber ihrer angeblichen Schwäche nicht mehr ertragen konnte. Lumi'ell war jung und doch hatte sie bereits Erfahrungen machen müssen, die für uns ganzes Leben reichten. Als Nachtschwester war das Leben nie leicht, verlangte jeden Tag etwas ab und so blieb bereits in ihrem jungen Leben viel Erfahrung zurück. Doch diese Erfahrung half ihr nicht. Gethzerion half ihr nicht, sondern wandelte sich inzwischen zur Ursache. Die Nachtschwester begriff zusehens, dass sie nur laufen konnte, fortlaufen konnte, um nicht in ein Leben geführt zu werden, zu dem sie sich selbst nicht mehr zugehörig sah. Doch mit der Flucht aus der Ansiedlung verblieb auch eine Leere. Diese Stille, die ihre Schwestern ihr gezeigt hatten, dieses weitermachen, ohne jegliches Gespräch, wie sie sich fühlte, das hinterließ eine echte Leere. Vielleicht wäre sie geblieben, wenn sie ernstes Interesse an ihr gezeigt hätten und sie nicht abgetan hätten. Es war ihr Zuhause, dass sie zurückließ. Doch konnte sie nicht mehr bleiben und so suchte sie lieber die Gefahr der Wildnis, als die falsche Sicherheit ihrer einstigen Gemeinschaft. Besonders der Verrat ihrer eigenen Mutter, die Tradition vor das Wahl ihrer eigenen Tochter stellte, ätzte leise nach. Es waren wirre aber ausgerichtete Emotionen. Noch immer keine Träne. Das Gesicht der Dathomiri verblieb eisern in einem erstarkten Ausdruck der Wut und des energischen Eifers, diese Wildnis zu durchqueren, die aber kein Ende hatte. Auch das wusste Lumi'ell. Sie kannte Dathomir. Und so kannte sie auch jede Gefahr, die hier lauern konnte.

Ein Ast riss eine kleine Wunde in ihren Oberarm, während er abbrach, fast so als ob er von einer unbekannten Macht weggerissen wurde. Blut floss in wenigen Tropfen über den Arm, ohne, dass es Lumi'ell kümmerte. Noch ein wenig mehr Strecke, damit ihre Schwestern sie nicht fanden. Ja, sie würden sie suchen, nach Hause bringen wollen, und vielleicht war es auch gut, wenn sie gefunden wurde. Möglicherweise verstanden ihre Schwestern nun, was in ihr vorging. Doch das war ihr inzwischen egal. Wenn sie allein sein sollte, dann war es eben so. In gewisser Hinsicht war sie auch dankbar, dass ihre Schwestern sie gut ausgebildet hatten. Lumi'ell konnte überleben. Egal, welche Lage sich ihr stellte, sie konnte Überleben, sofern sie es wollte. Lumi'ell wollte es; auch als Eigenbeweis dafür, dass ihre angebliche Schwäche, in Wahrheit eine Stärke war. Irgendwo würde sie ankommen, einen Weg finden, von dieser Welt zu entkommen und etwas finden, was gut genug war. Es mochte zwar ein Spiel sein, was sie verlor aber ab diesem Augenblick war es endlich ihr Spiel. Sie bestimmte den Weg, und nicht irgendwelche Traditionen, Schwestern und erst recht keine Gethzerion. Kein Pakt würde sie aufhalten, keine Blutmagick und auch keine der Künste, die Gethzerion beschwören konnte, denn Lumi'ell hatte etwas gefunden: einen Weg für sich selbst. Erinnerungen flackerten, wie Lichter, vorbei. Immer wieder ein Fetzen aus ihrer Vergangenheit und jede Erinnerung trieb sie noch fester an, sich durch die Wildnis zu kämpfen. Das untote Holz ächzte und brummte in der Ferne. Wilde Tiere riefen gefährlich, huschten ins Nichts des fernen Dunkel, während Lumi'ell stehen blieb. Eine kleine Pause. Sie musste Luft holen. Wie lange war sie gerannt? Die Nachtschwester wusste es nicht mehr. Wo war sie? Diesen Ort kannte sie nicht. Lumi'ell trat an einen Baum heran, legte die Hand darauf, um noch Spuren zu suchen. Sie musste sich orientieren. In welcher Himmelsrichtung lagen die alten Ruinen? In welcher Richtung lag ihre alte Ansiedlung? Es dauerte einen Moment, bis sie sich orientiert hatte, nachdem sie mehrfach Luft geholt hatte. Jetzt bemerkte sie die Wunde, riss ein grünliches Moos von einem der Bäume, welches eine heilsame Wirkung hatte, und presste es auf die Wunde. Ein erlösernder Schmerz brannte sich in die Wunde, während das Moos das Blut aufsaugte und sich scheinbar mit dem Arm verklebte. Das Moos schien das Blut zu trinken, während es einem Egel gleich, sanft zuckte. Das Moos änderte seine Farbe und wurde rötlicher. Die Wunde war versorgt, während sie selbst entschied, dass sie selbst zu den alten Ruinen gehen würde, um sich dort zu verstecken, bis sie einen Plan gefunden hatte, weiter zu flüchten. Sie brauchte einen Ort, wo sie ruhen konnte.

Mit einer schleppenden Bewegung begann sie erneut zu rennen, da sie inzwischen wusste, in welche Richtung sie laufen musste. Das wilde Holz der Bäume löste sich dezent auf, die Wildnis offenbarte sich etwas mehr und in der Ferne der gelebten Nacht erblickte Lumi'ell überrascht ein Feuer. Waren ihre Schwestern dort? Das war unmöglich. Sie mieden die Ruinen meistens, wenn sich kein Grund ergab, dorthin zu gehen. Warum war dann dort ein Feuer? Hatten ihre Schwestern sie dort gesucht? Die junge Nachtschwester war sich unsicher, ging noch wenige Schritte heran, schlich sich in gehockter Position an, um sich im Dunkeln des Waldes zu bewegen. Ihre Schritte waren bedächtig und ihre Stiefel schoben sanft Steine zur Seite. Der Staub wurde immer kräftiger. Die Wüsten Dathomir waren bereits nahe und doch war hier noch Wald. Die Grenze war nah. Elegant blickte sie in einem Baum vorbei, hinauf zu den Ruinen aus altem Stein und beobachtete das wärmende Feuer, welches sie anlocken wollte. Lumi'ell brauchte dieses Feuer gerade sehr, da sie bereits fror. Ihre Anstrengung war doch größer gewesen. Sollte sie es wagen? Noch ein wenig näherte sie sich, um die Schatten besser zu deuten. Ja, dort konnte eine Schwester sitzen; das sah sie nun und dies ließ sie hinter einen Baum zurückweichen, um nicht gesehen zu werden. Doch immer wieder blickte Lumi'ell hinter dem Baum hervor, um ihre mutmaßliche Schwester zu beobachten. Aus dieser Entfernung konnte sie nicht erkennen, welche Schwester es war. Doch diese Nachtschwester schien mit etwas beschäftigt zu sein. Sie konnte es wagen. Denn diese mögliche Schwester war allein. Auch wenn sie geschickt worden war, sie zu holen, so konnte sie einer Schwester besser entkommen. Das Risiko war überschaubar. Mit einem Satz trat sie hinter dem Baum hervor und trat in die Ruinen ein, um sich dem Feuer zu nähern. Doch Lumi'ell sagte kein Wort, bis sie unmittelbar beim Feuer stand.
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#9
Chaos. Grelle Funken zerstoben in kleinste Partikel und ergossen sich in feinsten Staubpartikeln über tausende von Welten. Jene Welten wiederum krachten mit dem Donnern wütender Stürme ineinander, ehe sie in den schwarzen Vortex eines vernichtenden Mahlstroms gezogen und zerrieben worden. Es war eine unendliche Flut aus Leben und Tod, die endlos zirkulierte. Beinahe, als hätte das Auge der Schieferplatte einen kleinen, nur einen flüchtigen Blick in die fürchterliche Herzkammer des Universums selbst geworfen. Es war ein unmöglicher Wirbel des Seins und Nichtseins, ein undurchsichtiges Netz aus verwobenen Knoten, deren Ursprünge so jenseits des Erfassbaren lagen, dass es scheinbar unendlich lang dauern würde, die Geheimnisse, die sich darin verbargen zu ergründen. Das schrille Farbspiel der kosmischen Energien, dass sich ihr offenbarte, intensivierte sich noch weiter. Der ewig währende Strudel, der Welten auseinander riss, schien auf absurde Weise ebenso neue zu gebären, indem er die zermahlenden Teile soweit komprimierte und wieder aneinanderfügte, dass neue Formen entstanden. Es war faszinierend und wahnsinnig zu gleich. Eventualitäten wurden mit weiteren Möglichkeiten gespickt, die ebenso dem konfusen Wandel unterlagen, verschlangen sich gegenseitig und veränderten ihre Form so schnell, dass es nicht möglich war, einen konkreten Blick zu erhaschen. Calin'thir fragte sich, ob ihr Blick nicht klar genug war, oder ihr Geist nicht fokussiert genug um wenigstens einige Antworten auf ihre unzähligen Fragen zu bekommen. Doch heute schien ihr dieser Umstand nicht vergönnt zu sein, nichts zeigte sich oder zeichnete sich ab. Es war beinahe, als würde sie lediglich in ihren eigenen Kopf schauen und missmutig feststellen, dass er keine Erklärung bot. Eine bitte Erinnerung daran, dass ihr Blick eine andere Perspektive benötigte. Derjenige, der sich in einem Haus befand, mochte die Welt anders wahrnehmen, als die Person, die sich davor befand und die Dathomiri war sich sicher, dass sie beide Betrachtungsweisen kennenlernen musste, um mit wahrhaft geöffneten Augen durch die Welt gehen zu können.

Möglicherweise irrte sie auch; es konnte gut Möglich sein, dass auch in Einfachheit Weisheit zu finden. Nicht immer war ein komplexer Weg auch zielführend, oft bestand ein solcher auch aus vielen Irrungen oder Sackgassen, die sich als vergebliche Liebesmüh entpuppten. Komplexität brachte auch stets Fehleranfälligkeit mit sich. Unter dieser Gewichtung erschien Gethzerions bestreben plausibler, wenn schon nicht besser. Auf der anderen Seite ihrer geistigen Waagschale hingegen befand die Machthexe, dass Irrwege lehrreich sein konnten. Ein Fehler offenbarte Möglichkeiten zur Vermeidung oder Verbesserung und stellte sich als ein Spiegel der eigenen Unvollkommenheit dar. Das eigene Wesen und Verständnis zu bezweifeln, war ein Weg des Wachstums und der Erlangung einer tiefer gehenden Weisheit. Gefährlich wurde es nur dann, wenn tiefgreifende Selbstzweifel wurzeln schlagen konnten und der Fehler als solches im Zentrum der Gedanken stand und nicht mehr die Optionen, die er mit sich brachte. Natürlich, so kam Calin'thir zu dem Schluss, waren die Übergänge fließend: ein einfacher erscheinender Pfad konnte sich in ein aberwitziges Labyrinth verwandeln - und das im Bruchteil eines Augenblicks. Vielleicht also, war es lediglich das, was dieses schreckliche Gleichnis des Kosmos ihr zeigen wollte. Dennoch empfand die Dathomiri die erhaltene Antwort als ungenügend, unbefriedigend. Es war ein frustrierendes Gefühl, das ihre innere Balance ins Wanken brachte und was im Inneren brodelte, manifestierte sich natürlich auch im Gefüge des Universums.
Calin'thir schlug die Augen überrascht auf, als sie ein starkes Brennen in ihrer Handfläche bemerkte. Die Schiefertafel in ihrer Hand, war gefangen in den Zuckungen geisterhafter Blitze, die den Gegenstand offenbar energetisch überladen hatten. Erschrocken ließ sie die Platte fallen, die mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden traf, während die kosmischen Energien noch kurz wütend über den Boden zuckten, ehe sie dankbar vom Erdreich aufgenommen wurden. Balance. Erinnerte sich die Machthexe, als sie den Blick ihrer schwach verbrannten Hand zuwendete. Balance, und was der Preis der Nichteinhaltung mit sich brachte. Wahrlich, es gab noch viel zu lernen.

Womöglich sollte dies in jenem Augenblick nicht der einzige Fehler gewesen sein, mit Gewissheit ließ sich aber sagen, dass es auf keinen Fall der Letzte war. Als sich ihr Blick hob und sie sich für einen Moment umsah, musste Calin'thir verdutzt feststellen, dass sie nicht mehr das einzige denkende Wesen in dieser Ruine war. Das war zum einen ungewöhnlich, zum anderen aber, fühlte sie sich für einen kurzen Moment außerordentlich schutzlos und verwundbar. Es gelang der Dathomiri jedoch, diesen Gedanken als lächerlich abzutun und schnell abzuschütteln. Sie war noch nie so tief in Trance verfallen, dass sie eine nennenswerte Bedrohung nicht mehr gespürt hatte. Nein, von dieser Person ging offenkundig keine Gefahr aus - zumindest keine unmittelbare. Die Machthexe ballte ihre Hand einige Male einer Faust gleich, also wolle sie sich vergewissern, dass die eben gemachte Erfahrung ihre Glieder nicht in Mitleidenschaft gezogen hatte, ehe sie sich mit einem Finger ans Kinn tippte und ihren Fokus auf diese... äußerst deplatzierte wirkende Frau schob. "Wer magst du wohl sein, hm, Schwester?", gluckste Calin'thir, offenbar erheitert durch den Umstand, dass sie es gänzlich unbehelligt in ihre Nähe geschafft hatte. "Wenn Mutter Gethzerion dich schickte, mich zu finden und umzustimmen, dann sage ich dir nein, ich komme noch nicht zurück. Aber..." Die Dathomiri machte eine kurze Pause und intensivierte den Blick auf die Fremde. Sie als Nachtschwester auszumachen war leicht gewesen, allein schon aus dem Umstand heraus, dass sie eben keine unmittelbare Bedrohung darstellte und auch kein aggressives Verhalten ausstrahlte - zumindest nicht ihr Gegenüber. Spärliche Begegnungen mit anderen Clans dagegen waren in der Regel wenigstens angespannt und in manchen Fällen war sogar ein tatsächlicher Konflikt entstanden. Weiterhin schloss Calin'thir, dass diese Frau noch recht jung sein musste - sie kannte sie nicht, was darauf schließen ließ, dass sie erst irgendwann nach Talzins Ende zur Welt gekommen sein musste und sie selbst war nicht lange genug Teil von Gethzerions Zirkel gewesen um jede ihrer Schwestern kennenzulernen. Die Machthexe kniff die Augen kurzzeitig zusammen und musterte Gesicht und Oberkörper und dort wo der Feuerschein die Haut hell erstrahlen ließ, ließen sich kleine Kratzspuren wie von Ästen oder Gestrüpp erkennen, ein etwas gehetzt wirkender Ausdruck. Eine größere, wenn auch bereits rudimentär versorgte Wunde am Arm und das getrocknete Blut darauf, bestätigten diesen Eindruck zunehmends. Offenbar war dieses Herz gegenwärtig mehr von Furcht geplagt, als vom Verstand gesegnet. "...deswegen bist du gar nicht gekommen, oder?" schloss Calin'thir ihren Satz. Mit ihrer freien Hand deutete sie auf den Boden neben sich. "Nun setz dich, Kind. Und sprich, warum dein furchterfülltes Herz dich in diese Wildnis trieb." Wahrlich, die Wege und Möglichkeiten der kosmischen Gestirne waren unergründlich und doch war die Dathomiri gespannt, was die Nacht an dieses trostlose Ufer gespült hat. Eine spannende und ungewisse Fügung war es bereits allemal und auf die zahlreichen Pfade, die sich daraus ergaben freute sie sich bereits jetzt schon, auch wenn sie nie alle würde beschreiten können. Die gegebene Zeit zu nutzen um so viel wie möglich lernen zu können, sollte ihr auch vorerst genügen.
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#10
Lumi'ell legte ihren Kopf nachdenklich zur Seite, strich sich die fallenden Haare glatt, die sich aus dem Haarband ihres Zopfes gelöst hatten und beobachtete die Reaktion der Nachtschwester aufmerksam. Dieser Planet hatte eine eigenartige Art, Personen zusammen zu führen. Lumi'ell öffnete ihre Augen weit, so dass sich ihre Wimpern in Richtung Himmel erhoben, dort wo sie selbst gerne sein wollte. Fern von hier, diesem Jetzt. Das Glucksen, die Worte, der Schwester bestätigten die Eigenartigkeit dieses Momentes, den Dathomir erlaubt hatte.

"Gethzerion hat mich nicht geschickt," verbot Lumi'ell direkt und erhob ihren Kopf in eine gerade Position. Dieser Name brannte. Sollte sie sich setzen? Sollte sie sich wirklich setzen? Das Feuer war warm und lud sie ein. Die ihr fremde Nachtschwester lud sie ein. Es musste eine Schwester sein, wenn sie so begrüßt wurde. Doch Lumi'ell kannte diese Frau nicht. Dabei kannten sich alle Schwestern untereinander. Sie musste vor ihrer Zeit gegangen sein oder zu einer Zeit, wo sie selbst noch zu jung war, um alle Namen zu kennen. Die Fremde hatte sie zurecht erkannt. In ihrem Angesicht stand ihr Herz, welches Furcht kannte.

Lumi'ell war nicht Gethzerion und auch nicht mehr so, wie die anderen. Ihre Furcht hatte sie angetrieben und zur Flucht verleitet. Eine Hexe, die Furcht kannte, war unbrauchbar. Hexen fürchteten nicht einmal die Höllen, sondern beschworen jede Magick. Lumi'ell war keine freie Hexe mehr, sondern viel mehr eine Verlorene zwischen verschiedenen Wegen aber dieser Nicht-Weg war eben ihr Weg. Sie hatte gewählt und war geflohen. Sie hatte nicht mehr versucht, ihren Weg im Clan zu finden. Nicht mehr versucht, Gethzerion zu stellen und ebenso wenig hatte sie versucht, etwas anderes aus sich zu machen. Vor der Fremden stand noch immer eine Nachtschwester, die schlicht ihren Clan verlassen hatte. Lumi'ell konnte nicht aufgeben, was sie derzeit noch war. Eine Schwester der Nacht, zwar eine fürchterliche Hexe aber sie war immer noch eine Hexe, die Magick besaß. Und das war vorerst ausreichend, musste ausreichend sein. Die fremde Schwester wusste ziemlich schnell, die richtige Deutung zu ziehen. Es lag eine gewisse Ironie darin, dass man Lumi'ell ihre Entscheidungen direkt ansah. Die Flucht war ihr gefolgt und hatte sie gezeichnet. Mit einer Bewegung griff sie zum Moos, riss dieses von der Wunde, die inzwischen geschlossen war und warf das blutrote Moosfleisch weit weg von sich. Ihre Fingernägel hatten sich hineingegraben, so dass sich ihre Fingerspitzen mit dem roten Moosblut verfärbten. Das Stück Moos kroch über den Boden und suchte sich einen Baum in der Nähe. Wie vieles auf Dathomir lebte es, und es lebte anders, als man erwarten würde. Doch Lumi'ell kannte ihre Welt. Sobald das Moos sein Werk getan hatte, musste es entfernt werden.

Noch war es nicht an der Zeit für viele Worte. Auch wusste Lumi'ell nicht, wie sie richtig antworten sollte. Sie kannte diese Schwester nicht. Jemanden nicht zu kennen, war eine Gefahr oder konnte sich zu einer Gefahr entwickeln. Die Nachtschwestern liebten ihre Isolation und die Furcht vor dem Fremden war stark, denn sie waren immer nur Nachtschwestern gewesen. Sie kannte die Mythen und Legenden von der Zeit vor ihrer Zeit. Doch diese Schwester hatte sie richtig gelesen, erwies sich nicht als feindlich und wirkte sogar einladend freundlich. Doch genau dies konnte eine Falle sein. Hexen konnten freundlich wirken, um eigene Ziele zu verfolgen. Gethzerion tat dies. Andere Nachtschwestern taten dies. Regeln der Vorsicht mussten beachtet werden, denn nun ohne den Schutz der Schwesternschaft, war sie allein auf sich gestellt und konnte nicht mehr auf den mächtigen Schutz der Gemeinschaft bauen. Leben war keine Entschuldigung auf Dathomir, sondern schlicht Verpflichtung. Ihr Überleben war ihre Rache an Gethzerion, die nicht sah, was wirklich in ihr vor sich ging. Etwas überschnitt sich. Die fremde Schwester vor ihr kannte Gethzerion und ihre Worte deuteten darauf hin, dass auch sie die Nachtschwestern verlassen hatte, weil sie nicht zurückkommen würde. Das Chaos der Unsicherheit fütterte jene Dämonen, die Gethzerion dienten. Lumi'ell fand eine gewissen Hauch an Freiheit darin, dass sie in diesem Augenblick vor einer Schwester stand, die ebenso den Clan verlassen zu haben schien. Ihr eigenes Herz war erleichtert, dass die Dominanz der Gemeinschaft nicht so mächtig war, um jede Schwester zu halten. Es gab noch Widerstand, freien Willen und eigene Wünsche, die nicht allein aus der Gemeinschaft geboren waren. Freiheit war möglich, auch wenn man zunächst eine Gefangene von Dathomir war.

Mit bemühten Schritten näherte sich Lumi'ell weiter und nahm den zugewiesen Platz ein, indem sie ebenso abkniete und ihre blutverschmierten Finger zum Feuer richtete, um sich zu wärmen. In der Tat fror sie, was man inzwischen auch sehen konnte, da ihre Muskeln leicht zitterten aber der Willen einer Nachtschwester verbot diese Schwäche, so dass der Frost sie nicht überwältigte. Das Feuer half ihr. Es war fast eine Erlösung nach ihrer überstürzten Flucht. Das Schicksal war manchmal ein großes Theater. Es hatte zwei Figuren zusammengebracht, auf einer gemeinsamen Bühne aber ohne ihnen eine Lösung zu offenbaren. Lumi'ell wollte sprechen, sich offenbaren aber zögerte noch immer. Es fiel ihr schwer, einfach zu antworten, etwas zu sagen, um diesem Moment mehr Sinn zu geben. Sie war froh, vorerst frei zu sein. Diese Freiheit konnte sie nicht beschreiben. Die Nachtschwester lächelte und blickte die Fremde aufrichtig an. "Danke," bedankte sie sich höflich mit ihrer kratzigen Stimme, die lange kein Wasser mehr erlebt hatte. Der Durst war ebenso verdrängt worden, wie jedes andere Signal ihres Körpers. Erst jetzt zeigte sich, dass sie erschöpft war und Ruhe brauchte. Aus der knieenden Position sank sie zurück und saß nun auf dem Boden. "Ich ...," versuchte sie eine Antwort zu finden, etwas zu sagen, weil sie sich schuldig fühlte, etwas in Anspruch zu nehmen, was eine andere Schwester bereitet hatte. "Gethzerion," war die Antwort, die sie herausbrachte. "Ich kann nicht mehr an einem Ort mit dieser ...," erklärte sich Lumi'ell. "Ich musste fliehen," fasste sie zusammen, ohne klar zu benennen, was der Fluchtgrund war. Sie wollte sich diesen Gedanken nicht stellen und ebenso wenig wollte sie eine noch-fremde Person darin einweihen. Es war ihre Geschichte, die vorerst allein ihr selbst gehörte. Es war auch egal für den Moment. Sie war nun hier und das eigene - Warum - war derzeit nicht von Bedeutung für die Fremde. Schwäche konnte bestraft werden und Lumi'ell wollte diese Schwäche nicht zeigen, da sie die anderen Schwestern bereits dafür verurteilt hatten. Die dämonische Angst kroch in ihrer Gesicht, während der Moment ihr Ruhe verschaffte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass es kein wahres Zurück gab. Sie war nun auf der Flucht, egal, was sie noch tat. Eine Nachtschwester ohne Schwestern war sie. Allein, vielleicht für immer allein, und so machte sich diese Ungewissheit in ihrem Bewusstsein breit, so dass sie mit ihren trockenen Augen, die fremde Nachtschwester anblickte. Hektisch blinzelte Lumi'ell, da sie sich selbst kaum noch wach halten konnte. Doch einfach ohne eine Erkenntnis einzuschlafen, wer diese Fremde war, war eine Gefahr, denn es musste einen Grund geben, warum auch sie hier war. Dieser Grund musste erforscht werden, bevor sie überhaupt schlafen dürfte. Gefahren mussten ausgeschlossen werden. Auch wenn Lumi'ell nicht mehr von einer ernsten Gefahr ausging, denn ansonsten hätte sie sich nicht niedergelassen. "Warum bist du hier, Schwester?" - war die entscheidende Frage, die Lumi'ell stellte; auch um von sich selbst abzulenken. Das Feuer war noch immer eine Wohltat, so dass sie sanft noch ein wenig näher heranrückte aber nicht zu nahe, um sich selbst zu verbrennen. Noch immer hatte sie nicht ihren eigenen Namen genannt, denn in ihrer Kultur besaßen Namen Macht und man nannte nicht einfach seinen Namen, ohne etwas damit zu beschwören. Namen waren, wie Gesang und die Stimme, von Bedeutung. Deswegen hielt sich Lumi'ell zurück. Denn jeder Name einer Nachtschwester verwies auf eine tiefe Eigenschaft ihrer Seele.
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