#4
Offiziersquartiere, imperiale Raumstation im Orbit von Ord Mantell

Begin Again

War es nicht der geruhsame Schlaf, der das Leben erst erträglich machte? War es nicht er, der sie liebevoll vor all dem Grauen, all dem Schrecken, dem Leid und dem Tod bewahrte? Die friedliche Nacht kapselte ihr Bewusstsein von der zerstörerischen Galaxis ab und erlöste sie von allen Sorgen und Nöten, die Tag für Tag unbarmherzig auf sie einschlugen. Die Stunden der Erholung waren kostbar und kurz - im endlosen Krieg waren sie beinahe nur ein Blinzeln. Es war verrückt, denn man mochte meinen, der Traum begann erst mit dem Erwachen. Ein Alptraum, zweifellos. Aber nicht ihrer, nicht der der Flotte, nicht der, der imperialen Bürger, nicht einmal der Republik. Nein, es träumte nur eine Person, die sie in diesem verabscheuungswürdigen Wunderland gefangen hielt - der Monarch auf Coruscant. Und selbst jetzt, selbst wo er als verschollen galt, hielten dunkle Schatten an seinem Thron fest. Der Krieg ging weiter - es gab keinen Frieden, nur Auslöschung, Chaos und Verrat. Vor langer Zeit dachte die Frau, die nun eine imperiale Flotille befehligte, sie würde ein Held sein. Man würde sie feiern für ihren Mut, ihre Waghalsigkeit. Aber wenn Daro Zen ehrlich zu sich selbst war, trug sie nur wenig heldenhafte Eigenschaften in ihrem Herzen, viel mehr war das Gegenteil der Fall. Sie war grausam: an ihren Händen klebte das Blut von Zivilisten, Blut, dass sich nie würde abwaschen lassen, Blut, das für immer dafür Sorge tragen würde, dass ein Teil von ihr sich jeden Tag unrein, dreckig und verkommen fühlte. Ihr Mut war nur eine Illusion, eine billige Attrappe: sie blickte dem Feind nur selten direkt ins Auge, ihre Siege waren Konstrukte vorausschauenden Denkens und taktischer Finesse, keiner waghalsigen Manöver. Nein, Daro Zen war keine Heldin, sondern nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ein Mensch, der durch flapsige Antworten und ein lockeres Auftreten eine heile Fassade nach außen demonstrierte, aber innerlich bereits zerrissen war. Sie lebte für den Krieg, obwohl er ihr nichts als den Tod bescheren würde und ihre gebrochene Moral sah es inzwischen nur noch als eine Art Sport an. Sie maß sich an der Reputation geschlagener Gegner, und ihr Ego, die Gier nach Anerkennung, war das einzige, dass sie so verbissen weiterkämpfen ließ. Ideologien und Werte hatten im imperialen Raum keinen Platz mehr, doch ein Soldat blieb ein Soldat. Er würde kämpfen. Immer. Dafür hatte das Imperium gesorgt, dafür waren sie gemacht worden. Bilder durchzuckten ihren sonst so ruhigen Schlaf. Bilder von Martio Batch, wie sie sich gegen ihn stellte, sogar Zuspruch erhielt. Das erste Gefecht mit der Republik, das Bombardement und der Rückzug... hatte sie sich dort verloren? Nein, schon viel früher. Der Schatten der Tarkin kam vor ihre Augen. Das war es. Vielleicht hätte sie an diesem Tag sterben sollen, statt tatenlos zuzusehen, wie diese Monstrosität einer Waffe eine Welt auslöschte. Sie hatte Schuld. Sie und alle anderen Soldaten, die solche Verbrechen duldeten, eine Last, die ihr Gewissen zu erdrücken drohte. Doch spielte es eine Rolle? In einer Galaxis ohne moralische Instanzen waren Anstand und Ehre bedeutungslos. Das Credo der Flotte ist nur noch ein schwaches Echo, eine blasse Erinnerung an alte Tage. Bessere Tage.

Das Chrono an der Wand holte die Admiralin zurück in die Realität, in die Welt, in der das Leben nicht lohnte, wo es verschwendet und weggeworfen war, und doch sich niemand den Tod eingestand. Langsam und schwer nur, lösten sich die Lider voneinander und weigerten sich, das Antlitz der Galaxis anzuerkennen. Noch nicht, flüsterte ihre Stimme sanft in den Gedanken. Der ersehnte Wunsch nach etwas mehr Ruhe, etwas mehr Vergessen. Doch das penetrante Piepen kannte keine Gnade, war unbarmherzig und ließ nicht von ihr ab, ehe sie endlich funktionierte, aufstand und das tat, was das Imperium von ihr verlangte. Verschlafen räkelte sich ein Arm aus ihrer warmen Decke, die das Gefühl von Liebe, von Sicherheit so perfekt imitierte, dass es nur zu einladend wirkte, sich wieder darin zu verlieren. Unsanft stieß die Hand gegen das verhasste Chrono, dessen beißend-leuchtende Ziffernanzeige, sich in ihre Augen brannte. Dort stand es, thronte auf seinem heiligen Podest von einer Kommode. Es hätte genauso gut jemand vom Oberkommando selbst sein können, wie er in seinem selbstgefälligen Zimmer saß und sie immer und immer wieder an ihre nutz- und bedeutungslose Pflicht erinnerte. Aber nicht jetzt. Spontan entschied sich Daro eine Kleinigkeit, ein winziges Detail in ihrem Leben zu verändern. Ihre Hand erhöht stieß grob gegen das verhasste Ding und ließ es mit Nachdruck von der Kommode gleiten, bis es an der harten Kante ihres Schreibtisches zerbrach und die Ruhe zurückkehrte. Die Maschine war zerlegt weil ein Teil fehlte, weil sie niemand darum kümmerte sie zu reparieren, weil die einzige Person, die es konnte entschied, dass es die Maschine nicht wert war gerettet zu werden. Die Admiralin drehte sich auf die andere Seite und würdigte das sterbende Gerät keines weiteren Blickes.

Aber alle technischen Errungenschaften hatte ihre Backups, ihre Notfallreißleinen, die dafür sorgten, dass bei Ausfall eines Teils kein Stillstand in der Fabrik herrschte. Heute musste Malon Terren diese Rolle übernehmen, in Form eines unliebsamen Anrufers, der sich keine zehn Minuten später am Holokommunikator ihres Schreibtisches meldete. Erneut drang das unliebsame Geräusch in ihr Ohr, doch war sie diesmal machtlos. Die Maschine hatte dazu gelernt und malträtierte sie aus sicherer Entfernung. Erneut wälzte sich ihr Körper zur anderen Seite, so, dass der Blick nun wieder finster wie der Weltraum hinter dem Transparisstahl, auf dem Schreibtisch und dem blinkenden Kommunikator lag. Unliebsam und genervt schlug Daro die Decke zurück und die Kühle des Raumes nach der nackten Haut griff. Kälte durchströmte ihre Füße, als sie die blanken Fliesen und ihr berührten und sich ihr Lieb allmählich aufrichtete um den schweren Gang anzutreten. Barfüßig und wankend tapste die Admiralin hinüber, unachtsam und noch halb im Schlaf, als ein Überrest des Chronos, sich in den ungeschützten Fuß schnitt. "Au!", fluchte sie und stolperte vorwärts, wobei ihr Ellenbogen unsanft gegen den Schreibtisch stieß. "Verdammte...", nuschelte sie das Ding an und mühte sich gegen den Reflex ab, nicht gegenzutreten. Unwirsch und zerknirscht stand sie schließlich vor dem Kommunikator und nahm den Anruf entgegen. "Was wollen Sie... jetzt?", lautete ihre barsche Frage, ohne Begrüßungsfloskel oder sonstige Freundlichkeiten, als hätte der Mann sie bei etwas extrem wichtigem unterbrochen. "Guten Morgen Admiral!", flötete Terren munter, als hätte er die Übellaunigkeit seiner Vorgesetzten nicht realisiert - oder sie war ihm einfach egal. "Ich habe eine neue Strategie gegen Aufständische und Abspalter entwickelt, wollen Sie...?" Ohne einen weiteren Kommentar, ohne den Kommodore ausreden zu lassen hatte sich ihr Finger unbarmherzig auf den Knopf für den Verbindungsabbruch gelegt. Gehässig und zufrieden zugleich schaute sie den nervenden, nun ruhenden Kommunikator an. "Nein.", pampte sie das schweigende Gerät an. "Aber wenn Sie noch einmal zu solch einer Zeit anrufen, dann seien Sie so nett und fragen, ob Sie nicht von einer Klippe springen dürfen." Daro schnaubte missbilligend und gab dem Nervtöter noch eine lockere Triumphschelte. Dann drehte sie sich um und erblickte in freudiger Wonne ihr noch immer sehr einladendes Bett, das sie zu sich lockte, all die Unannehmlichkeiten noch für ein paar Stunden zu vergessen.
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